"Ich lebe, ihr sollt leben." Über den Tod des eigenen Kindes

"Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" (Johannes 14,19)
"Ich lebe, ihr sollt leben." Über den Tod des eigenen Kindes
Unzerstörbare Kraft
Cornelia Füllkrug-Weitzel, Ex-Chefin von Brot für die Welt, hat viele Eltern getröstet. Dann starb ihr eigenes Kind.

Ein biblischer Satz blieb lange Zeit eine Randnotiz in meinem Leben. Das änderte sich, als mir in den Neunzigern ein Mitarbeiter des Südafrikanischen Kirchenrates erzählte, wie dieser Satz ihm das Leben gerettet hat. Zu dem Zeitpunkt kämpfte er noch im Untergrund gegen das südafrikanische Apartheidsregime. Er wurde nach seiner Gefangennahme gefoltert. Mit allen zur Verfügung stehenden Folterinstrumenten und -methoden versuchte man, Namen und Aufenthaltsort anderer Anti-­Apartheidskämpfer aus ihm herauszupressen. Über Tage hielt er durch und provozierte so immer schwerere Verletzungen. Schlaf- und Nahrungsentzug taten ihr Übriges.

Cornelia Füllkrug-Weitzel

Cornelia Füllkrug-­Weitzel, 66, leitete zwei Jahrzehnte "Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungs­dienst" und "­Diakonie Katastrophen­hilfe". 2020 ging sie in den Ruhestand.
Hermann Bredehorst/Brot für die

Es kam der Moment, als er, auf der Folterbank in Inter­vallen mit Elektroschocks traktiert, realisierte, dass sein Körper und Geist dabei waren, aufzugeben. Er hatte keine Kraft mehr. Seine Todesstunde war gekommen. Da ging ihm zum ersten Mal nach Jahrzehnten Gott durch die Sinne. Er hörte eine Stimme, die immerzu wiederholte: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" (Johannes 14,19) Sie war so mächtig in seinem zum Sterben bereiten und willenlos gewordenen Geist, dass er sich nicht in die endgültige Ohnmacht fallen lassen konnte. Alles in ihm hielt sich daran fest, ohne dass er etwas dazu oder dagegen tun konnte: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" Diese Stimme, diese ­Zusage Gottes wurde zu einer Kraft zum Leben, jenseits seiner selber. Einer unzerstörbaren Kraft, stärker als die Folterknechte. Die gaben irgendwann in den nächsten Stunden auf. Offensichtlich war dieser Mensch nicht zu brechen.

Seine Zukunftspläne – mit einem Schlag zunichte

Das hat mich jahrelang bewegt und gestärkt in meinem Engagement an der Seite von Menschen, die unter ­Hunger, Krieg, Gewalt und Verfolgung leiden: Man kann das ­physische Leben eines Menschen am Kreuz oder auf der Folterbank zerstören, aber nicht die Kraft des lebendigen Gottes zum Leben, die er mit uns teilt: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" Nicht den Glauben daran, der von Angst vor Todesmächten befreit.

Dann kam der Tag und die Stunde, als unser Sohn plötzlich starb. Seine großen Zukunftspläne und die ganzen Vorbereitungen – mit einem Schlag zunichte. Es kam mir wie ein Betrug an ihm vor. Als langjährige Präsidentin von "Brot für die Welt" und der "Diakonie Katastrophenhilfe" haben mir Hunderte, vielleicht Tausende Eltern vom abrupten Ende der jungen Leben ihrer Kinder berichtet: in den Flutwellen des Tsunamis ertrunken, in Folterkellern verschwunden, als zwangsrekrutierte Kindersoldaten gestorben, unter den Trümmern von Erdbeben oder Bombardements liegend und so weiter. Immer hat mich selbst und habe ich die Eltern mit dieser Zusage getröstet und der damit verbundenen Hoffnung, dass das Leben, das Gott uns schenkt, damit an kein Ende gekommen ist. Die Vorstellungen und Pläne für dieses Leben bleiben unvollendet. Die bisherige Weise der Verbundenheit mit anderen Menschen endet. Aber nicht die Lebendigkeit und die Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt. Sie erschöpft sich nicht im irdischen Leben, stößt mit dem Tod an keine Grenze.

Der Glaube, dass diese Verheißung unter allen Umständen gilt, musste sich nun auch im Moment des Todes meines Sohnes bewähren. Er starb in der Passionszeit. ­Dieser Zeitpunkt war ein Geschenk. Die Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu, dem Sieg Gottes über den Tod und alle Todeskräfte, der Unzerstörbarkeit auch des ­Lebens unseres Sohnes in Gottes Nähe und Liebe hat uns in unserer großen Trauer selbst am Leben gehalten.

Ein graues Tuch liegt auf dem Leben

Zwei Jahre später hat sich mir eine weitere Dimension des Satzes erschlossen: Der Tod des eigenen Kindes hat viel Zerstörerisches auch für das eigene Leben. Zur Fülle des Lebens hat man lange keinen Zugang. Ein graues Tuch liegt auf dem Leben. Im Ostergottesdienst zwei Jahre danach wurde mir ganz plötzlich klar, dass das Versprechen "und ihr sollt auch leben" ja nicht nur den Verstorbenen, unserem Sohn gilt. Es gilt auch den Trauernden. Und ist vielleicht sogar mehr als nur ein Versprechen – ein Imperativ? Mindestens eine Ermutigung, sich selbst wieder mehr Leben zuzutrauen und zu gönnen.

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