Gundula Gause, "Ein feste Burg" und die Not der Kirchen

Gundula Gause, "Ein feste Burg" und die Not der Kirchen
"Sie verstehen die Kirche nicht mehr"
Die junge Generation wendet sich ab. Gundula Gause fordert eine neue Reformation.

Anlässlich eines wunderbaren Gottes­dienstes zum Reformationstag im rheinhessischen Oppenheim haben wir ge­sungen: "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. / Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen." 

Gundula Gause

Gundula Gause, 56, ist ZDF-Nachrichten­moderatorin. Im Rahmen des Reformations­jubiläums 2017 trat sie als "Reforma­tions­botschafterin" für die Evangelische Kirche in Deutschland auf.

Betroffen macht auch der alte Text, in doppelter Hinsicht. Er lässt sich frei beziehen auf die aktuelle Not der christlichen Kirchen in Deutschland. Gleichzeitig ist er inhaltlich nur noch schwer zu verstehen und – das soll der Kern ­meiner Betrachtungen sein – steht damit symptomatisch für die Probleme der Glaubensvermittlung generell. Es ist ein Text aus einer anderen Zeit, die schlicht vorbei ist. ­Zudem, und das ist noch viel wichtiger: Die Burg als Meta­pher für Kirche, Gott und Glauben hat ihre Be­deutung für die Menschen von heute verloren. Statt die Burg und ihren Schutz aufzusuchen, wenden sich zunehmend Menschen von ihr ab. Sie verstehen nicht, was Gott und Glauben im Kern bedeuten. Sie verstehen die Kirche nicht mehr und sind natürlich auch erschüttert von Skandalen, ­In­transparenz und amtskirchlicher Sklerose.

Eintritte gleichen lange nicht mehr die Austritte aus

Wohl auch deswegen werden Prominente, die sich zu ihrem Glauben bekennen, ersatzweise so häufig gebeten, "Zeugnis abzulegen". Aber wie konnte es so weit kommen? Immer weniger Menschen glauben offenbar, das vertraute, oft aber auch unbequeme und enge Sicherheitsgefühl der Burg zu brauchen. Im Gegenteil: Sie lehnen die Burg ab – und suchen ihr Glück außerhalb der Ringmauern in der Welt der großen Freiheit. Davon gab es noch nie so viel für so viele: Wohlstand, individuelle Freiheit, Informations- und Bildungschancen, Unterhaltung, Reisen, Feste und so weiter. Insgesamt scheint es sehr vielen von uns – Corona zum Trotz – doch gut zu gehen.

Im Gegensatz zu den christlichen Glaubensgemeinschaften. Jugendlicher Nachwuchs und Kircheneintritte gleichen in beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands seit Jahrzehnten nicht mehr die Austritts- und Todeszahlen aus. Das Kirchenvolk wird kleiner und älter. Was man medial von der Kirche wahrnimmt, stimmt eher ­deprimierend als hoffnungsvoll. Auf Gemeindeebene kämpfen viele mutig und unverdrossen dagegen an. Da passiert einiges – und das ist aller Ehren wert! Aber es reicht offensichtlich nicht, um den Trend zu drehen. Trotz aller Mühen ist bislang kein Mittel gefunden, die Frohe Botschaft wieder an den Mann und an die Frau zu bringen.

Notleidende finden nicht mehr zum Glauben

Oft heißt es, dass gute Zeiten schon immer schlecht für die Kirche waren. In der Konsequenz müssten die ­Kirchen also auf ein Ende politischer Freiheit, ein Ende des Wohlstands und auf Notlagen setzen. Das kann im Ernst niemand wirklich wollen, schon gar nicht Christen und ­Christinnen! Im Übrigen finden ja auch diejenigen nicht mehr den Weg zum Glauben, zu Gott und den Kirchen, die Not leiden und Verlierer unserer Gesellschaft sind.

Wir sollten uns ehrlich machen! Weder auf Gemeindeebene noch auf der Ebene der "Großkopferten" haben sich bislang Impulse gezeigt, die wirklich Hoffnung machen. Die bekannten "Megatrends" Digitalisierung und Globalisierung verändern die Welt mit rasender Dynamik. Auch wenn es keine Patentrezepte gibt, müssen sich die Kirchen dieser Entwicklung stellen, um Boden gut zu machen.

Schwindenden Kräfte der Kirchen bündeln!

Als Medienfrau, die ihren eigenen Glauben als ­Geschenk empfindet, sehe ich von daher dies als "alternativlos" an: Wir müssen das Evangelium zeitgemäß in die Gesellschaft tragen – konzentriert, verständlich und ansprechend, vor allem digital. Wir müssen die dazu ­erforderlichen ­erheblichen Mittel durch eine radikale Entschlackung der bestehenden Strukturen gewinnen. ­Insgesamt braucht es die Kraft zu radikaler Anpassung, um das ­Evangelium zeitgemäß zu verkünden, in einer neuen verständlichen Sprache, sozusagen einer neuen Reformation. Nur ­dieses Mal nicht trennend, sondern zusammenführend. Und dafür brauchen wir die Ökumene endlich mit klarer zeitlicher Fristsetzung, um die schwindenden Kräfte der ­beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland zu bündeln. Bevor es zu spät ist.

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