Großmut ohne Sorge. Jesus und das Spenden

"Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück." Lukas 6,30
Großmut ohne Sorge. Jesus und das Spenden
"Wer dich ­bittet, dem gib"
Liebevolle, sorglose, verschwenderische Offenheit, sie beeindruckt Klinikseelsorgerin Karin Lackus.

Ganz empört äußerte sich eine Schülerin vor Jahren in meinem Unterricht über einen Bibelvers aus Lukas 6,30: "Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück." Wer so vertrauensselig gebe und sich dann wehrlos alles nehmen lasse, der mache sich doch zum Hampelmann, war sie überzeugt. Ich verstehe diese Einschätzung. Wir haben andere Erfahrungen mit Geben und Nehmen. Unvergessen bleibt mir eine Frau, die mich als Klinikseelsorgerin um Hilfe bat. Fünf kleine Kinder habe sie und eine kaputte Waschmaschine. Voller Mitgefühl gewährte ich ihr einen Überbrückungskredit. Als ich merkte, wie fantasievoll die Frau mich getäuscht hatte, waren meine Gedanken nicht gerade liebevoll. Und das Geld hätte ich schon gern zurückgefordert.

Karin Lackus

Karin Lackus ist Klinikseelsorgerin in Mannheim. Sie hat schon mehrmals für chrismon plus über Krankheit und Sterbehilfe geschrieben.
privat

Oder ich denke an einen Patienten, der nur schwer ertragen konnte, dass ich seinem Bettnachbarn einfach so Tabak vorbeibrachte, dunklen Feinschnitt mit Blättchen, vom Geld der Klinikseelsorge gekauft. "Und was bekomme ich kostenlos von der Kirche?", fragte er provozierend.

"Kommt das Geld wirklich da an, wo es gebraucht wird?", wir kennen die bange Frage, sobald gesammelt wird. Manche geben vorsichtshalber gleich gar nichts mehr. Und das Geld bleibt da, wo es sicher ist, im eigenen Geldbeutel.

Jaques teilte und vertraute Gott

Eine ganz andere Großzügigkeit, ohne Misstrauen und ohne Rechenhaftigkeit, habe ich vor Jahren in einem Haus der Gastfreundschaft in New York erlebt. Das Haus gehörte einem Lehrer, Jaques, wie ihn alle nannten. Aus ­Liebe zu Gott und den Menschen lud er obdachlose Menschen von der Straße ein, bei ihm zu wohnen. Und wenn es eng wurde, stellte er noch eine Liege in sein eigenes Schlaf­zimmer. An hohen Feiertagen kaufte er guten Rotwein und teure Pralinen für alle. Er überlegte nicht messerscharf, wer welches Geld wann und wo am nötigsten braucht: Er teilte und vertraute Gott. Und widerstand an diesem Punkt jeder Kritik. Und am Monatsende war das Geld knapp.

Als klugen Haushalter konnte man Jaques wahrlich nicht bezeichnen, wer seine Freundlichkeit ausnutzte, bekam im Zweifelsfall noch Kuchen dazu. Mich als gründlich planende Christin irritierte das. Aber ich spürte eindrucksvoll, wie genau diese liebevolle Offenheit manchem verbitterten Menschen auf der Straße ermöglichte, dem Leben wieder etwas zu vertrauen.

Ein Patentrezept für Gerechtigkeit ist diese überschwängliche Großzügigkeit wohl nicht. In Kirche, Politik und Familie brauchen wir kluge und sparsame Planung, um zu gestalten und zu helfen. Aber wir brauchen eben immer auch mehr: verschwenderische Freundlichkeit, ­gerade da, wo Menschen den Mut verlieren und nur noch Lug und Betrug sehen. Misstrauen und Angst verengen nun mal den Blickwinkel.

Ich bin suche nach einem gerechten Ausgleich

Wer voller Sorge ist, sammelt Schätze, um für alle denkbaren und undenkbaren Katastrophen vorzusorgen. Wer voller Sorge ist, erträgt Freiheit nicht und baut Mauern. Man weiß ja nie. Wer voller Sorge ist, nimmt sich so viel wie möglich, damit es auf jeden Fall genug ist. Und dann reicht es eben nicht mehr für alle. In meiner Zeit in New York staunte ich über Jaques’ unerschütterlichen Glauben. Er brauchte es einfach nicht, seinen Besitz festzuhalten und für alle Eventualitäten vorzusorgen. Persönlich bin ich da immer noch am Üben. Ich hadere, wenn mir ein ­Privatkredit aus den Rippen geleiert wird. Ich bin es gewohnt, erst mal nach einem gerechten Ausgleich zu suchen.

Und genau deshalb liebe ich das Gebot aus dem Lukas­evangelium: "Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück." Es weitet ­unser Herz und unser Denken, weil es so quer steht zu unseren Erfahrungen. Es lenkt uns heraus aus gewohnten Bahnen der Rechenhaftigkeit und Angst. Es stößt uns mit Macht darauf, dass Liebe nicht zu planen und zu berechnen ist.

Und wenn dann doch mal jemand Pralinen bekommt, obwohl Schwarzbrot gereicht hätte – dann sei’s drum. Hauptsache Liebe, Hauptsache kein Geiz, Hauptsache ­Leben.

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Lesermeinungen

Selbstlob, Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit.

" Wer voller Sorge ist, nimmt sich so viel wie möglich, damit es auf jeden Fall genug ist. Und dann reicht es eben nicht mehr für alle. "

" An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. ", 1. Joh. 2, 1-6
Das sagt mehr als viele Worte des Selbstlobs.