Eine Nonne spricht über Ungehorsam

"Allen bin ich alles geworden" (1 Kor 9,22b)
Eine Nonne spricht über Ungehorsam
Radikal hinhören
Was Gehorsam für Schwester Emmanuela Kohlhaas bedeutet.

Das Wort "Gehorsam" klingt nicht gut in ­unseren Ohren. Wir können es offenbar nur "top-down" hören: Da ist eine Autorität, die bestimmt, und ich folge. Dass viele Menschen in Deutschland dieses Wort heute so verstehen, hat tiefe ­Wurzeln in der deutschen Geschichte und in der Geschichte der ­Kirchen. Doch ein solches Verständnis von Gehorsam auf der Basis von Hierarchie ist nicht christlich. "So soll es nicht sein unter euch", heißt es in der Bibel (Matthäus 20,26; Markus 10,43; Lukas 22,26). Wie konnte es also zu diesem Missverständnis kommen?

Emmanuela Kohlhaas

Emmanuela Kohlhaas, geboren 1961, ist Priorin der Benediktiner­innen in Köln. Kürzlich hat sie mit Thomas Frings das Buch "Ungehorsam. Eine Zerreißprobe" ­veröffentlicht ­(Herder).
Benediktinerinnen Koeln

"Allen bin ich alles geworden" – so fasst Paulus ­seinen Weg der Nachfolge Jesu zusammen. Meint er ­Opportunismus? Den Weg des geringsten Widerstandes? Nein, er meint den anspruchsvollen Weg des Machtverzichtes: "Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen" (1 Korinther 9,22a). Es geht darum, den Sicherheitsabstand aufzugeben, vorbehaltlos hineinzugehen in jede Begegnung.

Als junge Schwester habe ich an der Klosterpforte ge­arbeitet. Eines Tages stand, als ich die Tür öffnete, ein Punk wie aus dem Bilderbuch vor mir, ein junger Mann, etwa in meinem Alter. Ich staunte, und bevor ich etwas ­sagen konnte, fragte er mich: "Komme ich in den ­Himmel, wenn ich jetzt Schluss mache?" Eine Alkohol­fahne kam mir entgegen, und mein Blick fiel auf die Toten­köpfe aus Plastik, die er als Schmuck um den Hals trug. Ich überwand meinen Impuls, die Tür schnell ­wieder zu schließen, setzte mich zu ihm – und (ge)horchte . . . 

Er starb mit dem Kreuz in der Hand

Er erzählte mir von seinem Leben. Kairo, so sein Szene­name, sah für sich keinen Weg mehr. Wir sprachen lange, aber ich hatte das Gefühl, dass ich nicht wirklich zu ihm durchdrang. Ich folgte einem inneren Impuls, bat ihn, kurz zu warten, und holte ein Bronzekreuz an einem Lederband. Ich hatte es als Teenager lange getragen und mich nicht davon trennen können. Den Moment, als ich ganz nah vor Kairo stand und ihm dieses Kreuz umhängte, ­direkt über seine Totenköpfe, werde ich nie vergessen. ­ Er ging fort und kam nie wieder.

Jahre vergingen, einmal sah ich Kairo vom Bus aus ­irgendwo in der Stadt. Eines Tages kam ein Mann ins ­Klos­ter und stellte sich als seinen Freund vor. Er erzählte mir, Kairo sei im Krankenhaus an den Folgen des Drogen- und Alkoholmissbrauchs gestorben – mit meinem Kreuz in der Hand. Dieses Kreuz habe Kairo unendlich viel bedeutet, und es sei auch für ihn jetzt sehr wichtig. Er zog es aus seiner Tasche. Er hatte es vergolden lassen.

Abwehrstrategien loslassen

Ein wirklich spiritueller Gehorsam hat für mich nichts mit Dominanz und Unterwerfung zu tun, aber viel mit radikaler Offenheit. Radikal im ursprünglich lateinischen Wortsinn von radix, die Wurzel, kommend: bis an die Wurzeln meiner Existenz. Ein solch radikales Hinhören hilft mir, meine Abwehr- und Vermeidungsstrategien loszulassen. Das ist ganz einfach und unendlich schwer zugleich. Einfach, weil ich es "nur" zu tun brauche. ­Unendlich schwer, weil es von mir fordert, an meinen Widerständen zu arbeiten.

Auch der Einsatz von Macht ist meist eine Abwehr­strategie, wenn Mächtige versuchen, Fragen oder Proteste zu unterdrücken. Das ist der Ungehorsam der Mächtigen, ganz gleich ob in den Kirchen oder anderswo.

Absage an Macht und Gewalt

"Den Schwachen, ein Schwacher. Allen, alles . . ." Der Apostel Paulus geht noch weiter, und die Konsequenz ­erschreckt ihn. Er fügt ein paar erklärende Worte ein: "Den Gesetzlosen bin ich sozusagen ein Gesetzloser ­geworden – nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi –, um die Gesetzlosen zu gewinnen" (1 Korinther 9,21).

Jesus ist diesen Weg mit allen Konsequenzen gegangen. Gehorsam in seinem Sinne ist eine Absage an alle Macht und Gewalt. Christlicher Gehorsam war schon immer ein Gehorsam 2.0.

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