Diakoniepfarrer Dirk Ahrens über "Schwerter zu Pflugscharen"

In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen. Die Völker werden herzulaufen... Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen... Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
4,1-4
Diakoniepfarrer Dirk Ahrens über "Schwerter zu Pflugscharen"
Wacht auf und träumt!
Der biblische Prophet Micha ruft dazu auf, sich niemals mit Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit abzufinden

Währendübermächtige Assyrer das Land bedrohen, verkündet der Prophet Micha Gottes Verdammungsurteil über die ausbeuterische Oberschicht Jerusalems. Das aber wird Gottes letztes Wort nicht sein: „In den letzten Tagen“ werden alle Heiden friedlich zum Zion hinauf nach Jerusalem ziehen, um sich dort von Gott selbst unterweisen zu lassen. Dann werden alle ihre „Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln“, und niemand wird „mehr lernen, Krieg zu führen“. Diese alte Vision vom Friedensreich Gottes scheint uns heute ein wenig groß und unrealistisch, hat aber in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Bedeutung erlangt.

„Schwerter zu Pflugscharen!“, das gehört bei vielen in die persönliche Erinnerungskiste. Wie das Che-Guevara- Poster aus der Küche der Studenten-WG oder der „Atomkraft? Nein danke“-Sticker mit der lachenden Sonne. „Schwerter zu Pflugscharen“ erinnert an die ostdeutsche Friedensbewegung und an Abrüstungsdemos im Westen und wohl alle an große Träume von einer besseren Welt.

Mit dem Erwachsenwerden schrumpfen die Träume. Wir wissen,dass Veränderung nicht einfach zu erreichen ist. Und mancher muss sich eingestehen, dass die monatliche Gehaltsüberweisung wichtiger geworden ist, als er es je gedacht hätte. Teilen fällt nicht mehr so leicht. Viele haben schließlich Verantwortung für Partner, Kinder und Eltern. Wenn alles gut läuft, bleibt man konstruktiv, versucht, Probleme zu lösen, sach- und zielorientiert. Viele haben Sorge, als Gutmenschen und Träumer abgestempelt zu werden. Dabei besteht die Gefahr, dass das große Ganze aus dem Blick gerät. Wer steht noch ein für die scheinbar irreale Hoffnung auf eine friedliche Welt, wenn alle so ganz vernünftig geworden sind?

Es ist gut, dass wir falsches Pathos durch große Sachlichkeit ersetzt haben

Damals in der DDR konnten die großen Träume von Frieden und Gerechtigkeit in einer Kirche überleben, die ihre Hoffnungen nicht preisgab. Der Ruf „Schwerter zu Pflugscharen!“ stand für den Kampf um Abrüstung und Frieden und trug Freiheitshoffnung in sich. Dabei standen sich auf deutschem Boden hochgerüstete Atommächte gegenüber. Die Zeiten waren nicht besser als heute. Dafür waren die Träume umso größer, und noch größer die Realität: eine friedliche Revolution mit Kerzen in der Hand! Panzer weichen zurück. Die Mauer fällt. Wer hätte das zuvor geglaubt? Merkwürdig: Trotz dieser Erfahrung scheinen wir nicht voller Hoffnungen, sondern eher etwas kleinmütig, besorgt, verunsichert.

Vieles ist besser geworden, aber die Atomraketen gibt es immer noch. Ebenso wie Hunger, Armut und Ungerechtigkeit. Jetzt, so liest man oft, sei es besonders schwer einzuschätzen, was die Zukunft bringen wird. Politikerinnen und Politiker suchen möglichst unaufgeregt nach Lösungen. Es ist gut, dass wir falsches Pathos durch große Sachlichkeit ersetzt haben. Aber wo die großen Träume mit ihren starken Bildern fehlen, geht leicht die Orientierung verloren, und andere stoßen in die Lücke, die auch die Kirche und die Christen zurücklassen: Nationalismus soll Halt geben, wo der Kompass verloren gegangen scheint.

„Wacht auf und träumt wieder!“, scheint uns Micha zuzurufen. „Gebt euch nicht zufrieden mit den kleinen Erfolgen im Kampf gegen Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit, sondern lasst euch von der Hoffnung auf eine grundlegende Wandlung leiten!“ Bei aller notwendigen Sacharbeit und allen nötigen kleinen Schritten dürfen wir die Träume nicht aufgeben. Die Welt und wir selbst auch brauchen es, dass wir für die große Friedensvision des Micha einstehen.

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