Der NDR-Journalist Daniel Kaiser über Wahrheit, Liebe und Freiheit

"Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." (Johannes 8,32)
Der NDR-Journalist Daniel Kaiser über Wahrheit, Liebe und Freiheit
Leben, wie ich es möchte
Oft sagen einem andere, wie man sein soll. Wer an Gott und seine Liebe glaubt, kann sich davon frei machen, sagt Daniel Kaiser

"Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." (Johannes 8,32) Mit sicher geschwungener Handschrift steht dieser Vers auf der ersten Seite der Bibel von 1854 mit ­Ledereinband, und darunter: "Dem lieben Daniel zur Erinnerung an seinen alten Englisch­lehrer." Auch nach fast 30 Jahren rühren mich diese Geste und dieses besondere Geschenk zum Abitur damals am ­Katharineum zu Lübeck sehr.

Daniel Kaiser

Daniel Kaiser, 48, leitet die Kulturredaktion von NDR 90,3. Er hat evangelische Theologie studiert und ist ehren­amtlicher ­Prediger in einigen norddeutschen Kirchen­gemeinden.
PrivatDaniel Kaiser

Der Lehrer war ein Buch-Aficionado. Er betreute die Schulbibliothek und begeisterte mich mit seiner etwas geheimnisvollen Aura und tiefen Frömmigkeit, die so gar nicht passte zu seinem Auftritt, der eher an Inspektor 
Columbo erinnerte als an einen Oberstudienrat. Er wusste, 
dass ich Theologie studieren wollte, und machte mir dieses Geschenk. Diese Bibel war mein erstes richtig altes Buch.

Ich wuchs in einer Familie von Vertriebenen auf, bei uns war alles neu, und diese persönliche Widmung auf diesen alten Seiten hatte eine hypnotische Wirkung auf mich. Die wunderbare antiquarische Bibel und dieser starke Vers begleiten mich seitdem. Er strahlt Feierlichkeit und Entschlossenheit aus, und es geht in einer ungeheuren Kompromisslosigkeit um Wahrheit und Freiheit. Perfektes Konfirmationsspruchmaterial. 

Im Theologiestudium wurde mir der einigermaßen verschwurbelte Zusammenhang des Johannesevangeliums 
bewusst, das einen seiner Schwerpunkte im Begriff ­"Erkenntnis" (Gnosis) hat. Plötzlich wird "erkennen" zum Passwort in die komplexe Gedankenwelt des Evangelisten und die Tiefenstruktur des Verses. Die Worte sind bei ­Johannes noch einmal ganz anders und geheimnisvoll aufgeladen. Was überhaupt Wahrheit sei, ist am Ende des Evangeliums die Frage, die Pontius Pilatus beim Jesus­verhör eher zynisch hinrotzt als ehrlich stellt. Eine Frage, die Donald Trump mit Hinweis auf "alternative Fakten" wie ein moderner Pilatus auch heute stellt.

Christen sind freie Menschen

In der Wahrheit, daran erinnert der Vers von der Freiheit, zeigt sich die Liebe Gottes in der Welt. Wahrheit ist nicht ohne Liebe zu denken. Sie ist nicht verhandelbar oder einer Taktik unterworfen. Wahrheit und Freiheit gehen zusammen. Dieser Vers gab mir immer die Kraft, mich auf das Notwendigste zu besinnen.

Auf Exkursionen durch verschiedene Glaubensgemeinschaften war er mir ein Kompass und machte mich hellhörig, wenn die Dimension der Freiheit verschüttet war. Christen sind freie Menschen.

Freiheit als Konsequenz des Glaubens – das elek­trisiert mich nach wie vor. Ich denke an Martin Luther, der ja eigentlich mit Nachnamen Luder hieß und sich erst am 31. Oktober 1517 in Anlehnung an das ­griechische ­eleutheros ("befreit") in Luther umbenannte: 
Martin, der Befreite! Ich lese in "meinem" Bibelvers nicht ­weniger als eine Zusammenfassung des Refor­mationsgeschehens.

Weckruf und Ermutigung

Und so legen sich Jahr um Jahr neue Schichten und Botschaften um diesen Vers, der in einem immer anderen Licht leuchtet und seine Kraft auch nicht verliert, wenn man erfährt, dass der amerikanische Geheimdienst CIA ihn als Motto und Inschrift in der Eingangshalle des Hauptquartiers in Langley wählte. Dieser seit 2000 Jahren schillernde Vers hat von allem etwas: Taufspruch, Welt­geschichte und Agententhriller!

Er ist für mich Resonanzraum für die schärfste ­Konsequenz meines Glaubens geworden: Freiheit und Autonomie. Er erinnert mich daran, dass ich frei von den Ansprüchen anderer bin, so sein und leben zu müssen, wie sie wollen. Er ermutigt mich, ganz frei ich selbst zu sein. Er zeigt mir, um was es eigentlich geht, und er weckt mich, wenn ich die Freiheit vergesse.

Ich muss jedes Mal lächeln, wenn mir die alte Bibel mit der Widmung ins Auge oder in die Hand fällt. Das Wort sensibilisiert mich jetzt gerade dafür, dass nicht der ­vulgäre und egoistische Freiheitsbegriff der Masken­muffel und Corona-Leugner gemeint ist, sondern eine ­Freiheit, die andere in den Blick nimmt.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Kaiser,

ich kann mich nur in allem Herrn Thomas anschließen. "Wir beleidigen und diskriminieren niemanden" heißt es in den Regeln für die Leserpost.
Sollte das nicht auch für Autoren gelten? Selbst jemand, der in großer Angst vor dem Virus lebt, könnte doch versuchen, für denjenigen Ver-
ständnis zu haben - oder doch wenigstens ein Minimum an Respekt zeigen - der größte Schwierigkeiten damit hat, eine Maske zu tragen.
Fragen Sie doch einmal so jemanden, warum er (oder sie) keine Maske trägt? Und mit Sicherheit werden Sie dann auch erfahren, was für ein Spießrutenlaufen es bedeuten kann, ohne Maske Bahn zu fahren oder einkaufen zu gehen. Das macht niemand ohne guten Grund! Unsere Gesellschaft ist dabei, eine große Gruppe von Menschen auszugrenzen, und mehr noch, anzufeinden. Könnte es sein, dass es Wahrheiten gibt, die so schmerzhaft und unbequem sind, dass sie geleugnet werden? Dass sie keine Stimme bekommen dürfen?
Mich jedenfalls macht es traurig, solche Sätze wie den Ihren in einer christlichen Zeitung zu lesen...."Was ist Wahrheit?" fragte Jesus, und meinte damit, dass kein Mensch eine absolute Wahrheit für sich beanspruchen kann; nur für Corona scheint das nicht zu gelten. Warum? Warum kann ein Herr Wieler sagen: "Diese Regeln dürfen niemals hinterfragt werden?" Meine Freiheit als Christin beinhaltet durchaus, dass ich von Menschen gemachte Regeln hinterfrage, und auch weiterhin meinen gottgegebenen kritischen Verstand benutze!

mit nachdenklichem Gruß,
Erika Arndt.

Sehr geehrter Herr Kaiser,
mit großer Freude las ich Ihren Artikel! Und stieß mich leider dann an Ihrem letzten Satz.
Sie schreiben: Das Johannes-Wort: "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" (8,32)
wörtlich weiter "sensibilisiert mich gerade jetzt dafür, dass nicht der vulgäre und egoistische Freiheitsbegriff der Maskenmuffel und Corona-Leugner gemeint ist, sondern eine Freiheit, die andere in den Blick nimmt."
Sehr geehrter Herr Kaiser, meinen Sie nicht, dass die Kritiker der Corona-Maßnahmen der Regierung , die Sie leider polemisch verkürzt "Corona-Leugner" nennen, auch nach der Wahrheit suchen? Meinen Sie nicht, dass diese Kritiker gute Gründe für ihre Masken-Kritik angeben können: das Virus geht durch jede Maske durch, die Masken-Träger betätigen sich als Viren-Schleuderer und Masken schädigen die Gesundheit und das Immunsystem. Das ist doch auch eine Wahrheit, über sich trefflich streiten ließe. In dieser Wahrheits-Suche kann ich keine Vulgarität, sondern eine Suche nach richtiger, wahrheitsgemäßer Verantwortung erkennen. Egoistisch finde ich eine Regierung, die die Gesellschaft und die Wirtschaft ohne Not zerstört. Meinen Sie nicht, dass über alle Wahrheiten in der Corona-Krise gesprochen werden sollte?
Mit freundlichen Grüßen!
Raimund Thomas