Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
Denn wir wissen: Die ganze Schöpfung stöhnt und liegt in den Wehen bis jetzt. (...) Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung...
Römer 8,22-24

Die Welt ist ein Kreißsaal. Darin stöhnen und ächzen Mensch und Tier und erwarten nur eins: das nahe Ende. Die ganze Schöpfung liegt in den Wehen, und der Apostel Paulus stöhnt mit. Ausgerechnet er, der wünschte, dass "das Weib schweige in der Gemeinde", wählt den Vorgang des Gebärens ­ Inbegriff weiblicher Kraft und Körperlichkeit ­, um seine religiöse Befindlichkeit auf den Punkt zu bringen. Da schweigt das Weib nicht, sondern es schreit. Ein drastisches Bild christlichen Lebens: Wer an Christus glaubt, bei dem haben die Geburtswehen eingesetzt, der stöhnt und leidet an und in dieser Welt und sehnt ihr Ende herbei. Die Geburt bedeutet das Ende der alten Welt und das ersehnte Kommen des Gottessohnes. So denkt Paulus.

Der kreißende Apostel, die brüllende Kreatur, die stöhnende Menschheit ­ wie wenig entsprechen Bilder wie diese der religiösen Gefühlslage von heute. Die christliche Religion macht ­ wenn überhaupt ­ in leisen Tönen von sich reden. Der religiöse Mensch von heute will zur Ruhe kommen, zu sich finden, statt wie eine Gebärende außer sich zu geraten. Kontemplation statt Gestöhn, Einkehr statt Ekstase, Ruhe und Frieden statt Angst und Pein. Doch wenn wir dieses Bild ernst nehmen, vernehmen wir das Seufzen der Kreatur, das wir so gern hinter geschlossene Mauern verbannen. Sicherlich: Manchmal kommt es uns ganz nah, das Stöhnen eines Sterbenden irgendwo auf einer Krankenhausstation. Wir lassen uns auch in Kino und Fernsehen Angst und Entsetzen von Kriegsopfern zeigen. Für einen Moment fühlen wir mit und sind uns einig: In solchen Situationen kann man nur das Ende herbeiwünschen, das Ende aller Quälerei, das Ende aller Schmerzen, das Ende der Angst ­ selbst wenn das den Tod bedeutet.

"Volle Pulle Leben", hält die Werbung dagegen ­ in diesem Falle für ein sprudelndes Mineralwasser. Das Leben als unerschöpflich sprudelnde Quelle der Heiterkeit und des Glücks ­ wer von uns zöge dieses Getränk nicht dem Leidenskelch vor, den anzunehmen selbst Jesus Schwierigkeiten bereitete? Wie gerne singen ganze Christengenerationen das zum Kirchenschlager verkommene Vermächtnis des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: "Von guten Mächten treu und still umgeben"? Doch bleibt manchen die dritte Strophe im Halse stecken, sie mag partout nicht zu sanftem Gitarrengeklimper passen: "Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand."

Volle Pulle Leid statt volle Pulle Leben? Um Gottes willen: Nein! Paulus kannte keine Narkose, kein Morphium, keine Periduralanästhesie, die den Schmerz während der Geburt von der Hüfte abwärts ausschaltet. Er proklamiert Religion nicht als Schmerztherapie, die betäubt und dem eigenem wie fremden Leid gegenüber unempfindlich macht. Er sagt: "Die ganze Schöpfung stöhnt und liegt in den Wehen!" Nicht der Einzelne leidet da still vor sich hin, sondern alle miteinander.

Die Welt als Kreißsaal, die Menschen als Gebärende. Wir sind im alten Sinne des Wortes guten Mutes: "gerettet auf Hoffnung". Das heißt: Alle Angst, alles Seufzen und Stöhnen sowie Schmerz und Verzweiflung sind nicht Endpunkt, nicht unabwendbares, heilloses Schicksal. Wie die Geburtswehen haben sie ein Ziel und ein Ende. Sie dienen dazu, Leben hervorzubringen. Wer ein Kind geboren hat, weiß, dass es nur einen Weg durch den Geburtsschmerz gibt: sich den Wehen hinzugeben wie ein Boot den Wellen. In diesem Sinn: Volle Pulle Leben!