Christoph Markschies über Jeremias Tempelrede

Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia: Tritt ins Tor am Hause des HERRN und predige dort dies Wort und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Jeremia 7,1-4
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Christoph Markschies über Jeremias Tempelrede
Auf's Verhalten kommt es an
Christen haben schon viel darüber gestritten, wer den rechten Glauben besitzt. Dabei ist es ganz einfach: Man muss nach Gottes Geboten leben.

In Dublin, der Hauptstadt der Republik Irland, gibt es zwei Kathedralen, die kleinere Christ Church und die größere Kirche St. Patrick. Beide gehören zur Church of Ireland, die in der Tradition der englischen Staatskirche steht. Die Mehrheit der Iren gehören allerdings der römisch-katholischen Kirche an. Für sie steht lediglich eine "Pro-Kathedrale" zur Verfügung. Als diese Kirche 1825 eingeweiht wurde, dachte man, es sei nur ein Provisorium und nannte sie ‚Ersatz-Kathedrale‘, weil sich die beiden echten Kathedralen der Stadt nach katholischer Sicht seit dem 16. Jahrhundert in den Händen der zumeist englischen Häretiker befanden, die sie den zumeist irischen Rechtgläubigen fortgenommen hatten.

Als sich nach bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen 1922 die meisten Provinzen als irischer Freistaat mit der Hauptstadt Dublin für unabhängig von England erklärten, wurde auch diskutiert, ob wenigstens eine der beiden Kathedralen den römisch-katholischen Christen übergeben werden sollte. Die Pläne zerschlugen sich, Dublins Katholiken beten immer noch in der "Ersatz-Kathedrale". Der aufmerksame Besucher der Stadt kann also erkennen, dass die Wunden der religiösen und politischen Auseinandersetzungen noch nicht vernarbt sind.

Christoph Markschies

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Januar 2012 Autor der monatlichen Kolumne "Das Wort" in chrismon Plus. Er studierte evangelische Theologie, klassische Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen und veröffentlichte 1991 seine Dissertation über Valentinus Gnosticus. 1994 habilitierte er sich und wurde 1995 Professor für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Herbst 2000 wechselte er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und hatte dort den Lehrstuhl für Historische Theologie inne. Im Jahr 2001 erhielt er den Leibniz-Preis, einen renommierten Förderpreis für deutsche Wissenschaftler. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte (Patristik) an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Vom 1. Januar 2006 bis zum 18. Oktober 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.
Thomas Meyer/OSTKREUZChristoph Johannes Markschies

Der Blick auf Irland macht deutlich, dass nicht nur zu Zeiten des Propheten Jeremia Menschen mit scheelem Blick auf die Nachbarn brüllten: "Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel!". Unser Altes Testament beschreibt manchmal nicht nur graue Vorzeit, sondern die unmittelbare Gegenwart.

Nur ganz selten ist es in der Geschichte des Christentums so friedlich zugegangen wie in der oberschwäbischen Reichsstadt Biberach an der Riß, in der die Stadtkirche St. Martin seit 1548 von der katholischen und evangelischen Gemeinde zusammen benutzt wird, jedenfalls im Hauptschiff. Als die Kirche in der Barockzeit renoviert wurde, achtete man auf Bilder, die für beide Konfessionen tragbar waren. Die Kerzen auf dem Altar allerdings hat man lange Zeit über den anderen nicht gegönnt.

Kirche ist da, wo auf das Wort Gottes gehört wird

Es war und ist immer wieder einmal umstritten, wo des Herrn Tempel steht, wo die rechte Kirche des Herrn zu suchen ist. Im Buch des Propheten Jeremia findet sich eine ganz schlichte Antwort auf diese Frage: Kirche ist da, wo auf das Wort Gottes gehört wird und Menschen ihr Verhalten nach dem Gebot Gottes ausrichten. Nicht sonntags in der Bank andächtig in der Bank sitzen, aber montags Recht und Gesetz mit den Füßen treten. Man muss nicht gleich an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte denken, in denen ein Reichsbahnbeamter am Sonntag auf der Kanzel von Jesu Zuwendung zu den Schwachen hörte und am Montag wieder die Zugfahrpläne in den Kopfbahnhof des Lagers Auschwitz organisierte.

Bei Jesus von Nazareth kann man lernen (wenn man es nicht längst im Alten Testament gelernt hat), dass Stehlen nicht nur der Griff nach der Geldbörse eines anderen Menschen ist, sondern schon der Versuch, etwas als mein Eigentum auszugeben, was ich in Wahrheit von einem anderen übernommen habe. Anders gesagt: Kirche ist da, wo auf Gott gehört wird und nicht ständig dazwischen geplappert wird, Kirche ist da, wo man umzusetzen versucht, was man gehört hat und nicht montags Gott einen guten Mann sein lässt.

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