Christiane Thiel über Mose und die Schlange auf dem Stab

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volke wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch kein Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk...
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Christiane Thiel über Mose und die Schlange auf dem Stab
Und alles wird anders
Feurige Schlangen kommen ins Lager der Israeliten, viele sterben an ihren Bissen. Mose richtet einen Stab mit einer Schlange auf – das Symbol einer weiblichen Gottheit.

Mit einer Befreiung fängt alles an. Wie Vieh waren die Kinder Israels in Ägypten behandelt worden. Indem man ihre Säuglinge umbrachte, wollte man ihnen allen an den Kragen. Zwei mutige Hebammen, Schifra und Pua, leisteten erfolgreich Widerstand. Das Volk wuchs, endlich gelang ihm die Flucht. Geschunden flohen sie, schwer bewaffnete Soldaten verfolgten sie auf Pferden. An einem Schilfmeer geschah ein Wunder: Gott ließ die Gejagten ­trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen und ertränkte Ross und Reiter der Verfolger. Mirjam rief die Frauen zusammen und zog mit ihnen vor das Lager. Mit Liedern und Tanz lobten sie Gottes Rettungstat. Sie waren voller Hoffnung. Die Reise ging weiter. Aus einer Flucht wurde eine endlose Wanderung. Die erste Generation alterte. Mirjam, die weise Frau, die Gott in ihren Liedern den Namen Hoffnung gab und deren Worte Verzagte zu trösten verstanden, starb. Sie wurde begraben.

Christiane Thiel

Christiane Thiel ist seit 2016 Hochschul- und Studierendenpfarrerin in Halle/Saale. Sie wurde im sächsischen Freiberg geboren. Sie studierte Mathematik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, später Evangelische Theologie auch in Marburg und Berlin. Seit 1995 ist sie Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Sie war Pfarrerin in den Leipziger Gemeinden Markkleeberg-Großstädteln-Großdeuben, Stadtjugendpfarrerin in Leipzig und danach Pfarrerin im Leipziger Stadtteil Holzhausen. Für ihren ersten Roman "Das Jahr, in dem ich 13 einhalb war" bekam sie 2007 den Peter-Härtling-Preis.
Charlotte Sattler/Charlotte SattlerChristiane Thiel, Pfarrerin der ESG Halle in ihrem Buero in Halle am 27.04.2017. FOTO: Charlotte Sattler

Wir wissen wenig über Mirjam. Oft soll sie nur die Schwes­ter des großen Anführers gewesen sein. Der Prophet Micha nennt sie Aaron und Mose ebenbürtig.

Dann stirbt auch Aaron. Das Schilfmeerwunder ist ­lange her. Seit Mirjams Tod singen die Frauen nicht, und die Hoffnung verstummt. Eine ungewisse Zukunft macht für Verklärungen der Vergangenheit empfänglich. Die ­Befreiten vergessen nur zu gern die Ketten und sehnen sich nach den klaren Verhältnissen der Diktatur zurück.

Es fehlen die, die Mut machen

Auf dem Weg begegnen ihnen andere Menschen, ­Sitten, Kulturen und Götter. Es kommt zu Konflikten. Es gibt Kriegstote zu beklagen, erschlagene Kinder. Gewalt zerstört und zermürbt. Irrtümer und Schuld belasten die, deren Flucht einmal eine Befreiung war und die jetzt die Zukunft fürchten. Das Wasser ist knapp. Alles hängt ­ihnen zum Hals raus. Mose und Gott werden beschuldigt und angeklagt. Es fehlen die, die Mut machen. Mirjam fehlt. Es fehlen die tanzenden Frauen und ihre Lieder vom guten Leben. Auch die Geschichten über Gottes Zärtlichkeit fehlen. Die Zeiten des Kampfes und die Dominanz der Männerkrieger haben den mütterlichen Gott vergessen gemacht.

In dieser Situation kommen die Schlangen. Ihre Bisse brennen. Viele Menschen sterben. Wieder der Tod. Das schmerzt und verdirbt den Geschmack des Lebens. Sind die Schlangen eine Strafe, wie immer wieder behauptet wird? Nein. Die Geschichte betont nicht Gottes Strafe, sondern erinnert an die von Gott angestoßenen Veränderungen. Die Schlangenbisse brennen wie Feuer.

Seit Menschengedenken sind Schlangen Begleiterinnen der Gottheit, Symbole der weiblichen Seite Gottes. In Zeiten der Gewalt und Angst bringen sie die falsche Reduzierung Gottes auf einen Krieger und Helden zum Schmelzen.

Qedeschet, die weibliche Seite Gottes

Der unter der Alleinherrschaft der Männer kalt ge­wordene Gott taut auf. Ich stelle mir vor, dass die Frauen mit ihren Töchtern zum Tanz ziehen und die alten Lieder anstimmen, die Gott erinnern: Du bist ein naher Gott. ­Du kannst Wasser des Lebens sein, Weisheit und Heilung. Und schon ruft Gott selbst nach der Schlange auf der ­Stange. Mose stellt das Bild der Göttin her. Wir wissen aus alt­ägyptisch-palästinensischen Quellen, dass sie Qedeschet heißt: eine weibliche Seite Gottes, von jeher geliebt und verehrt. Eine Gottheit der Frauen, des Lebens, der Geburt.

Ein Gewinn für das Leben. Jetzt müssen sie nicht mehr sterben, wenn die Schlangen sie beißen. Sie können ­hinaufsehen und den Blick erheben. Die neue Haltung gibt ihnen die Würde ihrer Befreiung wieder.

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