Christiane Thiel über den Jakobusbrief

...wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig ... Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.
2,1-13
Christiane Thiel über den Jakobusbrief
Die besseren Menschen
Das sind nicht immer die Christen. Im Gegenteil – das muss auch 
Christiane Thiel einräumen. Sehr zu ihrem Bedauern.

 Zwei Behauptungen über den christlichen Glauben und das Leben von Christen halten sich im Osten Deutschlands besonders beharrlich. Die erste: "Naturwissenschaft und Glauben sind unvereinbar." Mit dieser ­These wurde das materialistische Weltbild der DDR gegen alle religiösen Anwandlungen bis heute aufs Wirksamste imprägniert.

Christiane Thiel

Christiane Thiel ist seit 2016 Hochschul- und Studierendenpfarrerin in Halle/Saale. Sie wurde im sächsischen Freiberg geboren. Sie studierte Mathematik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, später Evangelische Theologie auch in Marburg und Berlin. Seit 1995 ist sie Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Sie war Pfarrerin in den Leipziger Gemeinden Markkleeberg-Großstädteln-Großdeuben, Stadtjugendpfarrerin in Leipzig und danach Pfarrerin im Leipziger Stadtteil Holzhausen. Für ihren ersten Roman "Das Jahr, in dem ich 13 einhalb war" bekam sie 2007 den Peter-Härtling-Preis.
Charlotte Sattler/Charlotte SattlerChristiane Thiel, Pfarrerin der ESG Halle in ihrem Buero in Halle am 27.04.2017. FOTO: Charlotte Sattler

Verheerender noch ist der zweite Satz, der mich mein ganzes Leben als Ostdeutsche begleitet: "Ich kenne viele Menschen, die sind keine Christen, doch viel ­bessere ­Menschen als alle Christen, die mir begegnet sind." ­
Dieser Satz ist – leider – oft wahr, und angesichts des Glaubensverlustes vieler im Osten besonders schrecklich. Ich ­hatte gehofft, dass das Ende der DDR eine Rückkehr des Christentums möglich macht. Es kam anders, ver­­nichtender. Die erste These – das wissen jedenfalls die Klugen ­unter denen, die Gott ablehnen – ist nicht so stabil, wie sie scheint. Aber die zweite, die Feststellung, dass Christen nicht durch besonders gutes Handeln auffallen, lässt sich oft nicht erschüttern. Es finden sich dafür immer wieder Belege.

Dabei geht es nicht ums "Benehmen", sondern es geht ums Ganze: Machen sich Christinnen und Christen für ­Gerechtigkeit stark? Diese Frage hat besonders im ­Osten eine große Bedeutung. Hier war die Kirche wirklich ­lebendig, als sie auf der Seite der Schwachen stand, als sie ein Ort für Fragen und Aufbegehren war und als sie sich für Proteste auf die Straße traute, statt sich hinter ihren Mauern im Recht zu wähnen. Darum geht es auch im Brief, der Jakobus zugeschrieben wurde. Er könnte aber aus der Feder mehrerer Menschen stammen. Von Menschen, die im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Syrien lebten und versuchten, ihr Leben nach der Thora, dem jüdischen Gesetz der fünf ­Bücher Mose, und nach dem Glauben an den Auferstandenen auszurichten.

Gott zu vertrauen muss sichtbare Folgen haben

Sie kämpften für Gottes Gerechtigkeit, die sich ihrer Meinung nach zuerst am Umgang mit den Armen misst. Ihre Worte verhallten ungehört. Der Reformator Martin Luther hat den Jakobusbrief als "stroherne Epistel" bezeichnet und in die Ecke der fast entbehrlichen Worte gestellt. Elsa Tamez, eine Befreiungstheologin aus Costa Rica, sagt: Durch den Jakobusbrief lernen wir, um ein gutes Leben und einen sinnvollen Glauben zu ringen, der sich im Alltag als wirkungsvoll erweist. Gott zu vertrauen ist nicht etwas Innerliches, sondern es muss sichtbare Folgen haben, zuallererst für die Armen.

Der Jakobusbrief öffnet uns die Augen auch dafür, wie bereitwillig wir uns von Autoritäten blenden lassen. In ihm ist ausdrücklich von der Thora Gottes die Rede. Sie gilt als Gesetz, sie verhilft zu einem Leben der Gerechtigkeit. Aber auch Elsa Tamez bleibt ungehört.

Wir Christinnen und Christen brauchen Gottes Lebensregeln. Weil es uns schwerfällt, gerecht zu sein. Weil es gerade uns so verdammt oft misslingt, mehr zu lieben, beharrlicher zu hoffen. Das ist mir in vielen aufrichtigen Auseinandersetzungen mit meinen ostdeutschen Mitmenschen klargeworden. Gerade wir, die wir den Namen Gottes tragen, brauchen Ermahnung – mehr als die anderen. Die anderen vermögen wohl, ohne alle Predigten und ohne Gebote Gutes zu tun und für Gerechtigkeit zu ­streiten, wir aber offenbar nicht. Das mag zuletzt der ­einzige Unter­schied sein. Gerade wir Christinnen und ­Christen brauchen diese ­Ermahnung.

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