Bloß nicht angestaubt plappern

Rogate
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden;... Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein ­Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben ­unsern Schuldigern . . .
Matthäus 6,7-13
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Bloß nicht angestaubt plappern

Vieles beeindruckt am neuen Papst. Mich hat beeindruckt, was als Erstes von ihm öffentlich zu hören war, seine Worte auf der Loggia über dem Haupteingang zur römischen Kirche Sankt Peter im Vatikan. Da stellte er sich nämlich knapp als neuer Bischof von Rom vor (und nicht als Papst) und sprach ein ganz kurzes Gebet „für unseren emeritierten Bischof Benedikt XVI.: Beten wir alle gemeinsam für ihn, dass der Herr ihn segne und die Mutter Gottes ihn beschütze“. Dann begann der neue römische Bischof Franziskus mit dem Vaterunser, und der ganze Petersplatz vor der Loggia stimmte in das Gebet ein.

Der Umgang mit Vorgängern ist schwierig. Gebete für Vorgänger zu formulieren, ist noch schwieriger. Da können schnell große Peinlichkeiten über die Lippen kommen. Wie überhaupt beim Beten jederzeit Peinlichkeiten über die Lippen kommen können. Viele Worte sind eher gefährlich, so steht das schon in der neutestamentlichen Einleitung zum Vaterunser: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern.“

Mir fällt bei diesem Satz ein, wie häufig ich schon Zeuge von Geplapper wurde. Beispielsweise im Gottesdienst: Beten als nachgeholter Kommentar zur Predigt. Nachtragen, was vergessen wurde. Was man sich dort so fromm nicht zu sagen getraut hatte. Oder auch schnell noch einmal alle Krisenherde aufzählen. Man kommt gar nicht nach beim Durchbeten der ganzen Erdteile und Landstriche, die da genannt werden.

Plappern mit den angestaubten Worten einer Tradition, . . .

. . . welcher die Vorbetenden sich nicht zugehörig fühlen. Beten vor Beginn einer kirchlichen Kommissionssitzung, in der man sich dann aufs Heftigste streitet. Schrecklich. Und so unehrlich.
Natürlich plappere ich auch. Schlimmer manchmal als alle anderen. Beispielsweise wenn ich keine Kraft, Zeit oder Geduld zum Beten habe und doch beten möchte. Wenn ich mich fürchte, Dinge ehrlich vor mir selbst und meinem Gott anzusprechen. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern.“ Sollen wir also schweigen?

Nein, denn da gibt es das Herrengebet, das Vaterunser. Es ist nicht nur deswegen ein so wichtiges Gebet, weil es nach allem, was wir wissen, vom historischen Jesus stammt und weil es seine innige Beziehung zu dem Vater, der ihn gesandt hat und den er auf Erden lebte, sichtbar macht – mit einer sehr direkten Anrede, die auch sonst im zeitgenössischen Judentum verwendet wurde: „Mein Vater“.

Mir jedenfalls ist es auch deswegen so wichtig, weil es fern von jedem Geplapper meine eigentlichen Grundbedürfnisse ausspricht und mich so Tag für Tag daran erinnert, was wirklich wichtig ist: essen können, ohne Schuld leben dürfen und nicht über jede dumme Versuchung stolpern, die mich den lieben langen Tag ­davon abhält, so zu leben, wie ich eigentlich möchte. Brot haben, Verzeihung erleben und aufrecht leben dürfen anstelle von Hunger, drückender Schuld und dieser unerträglichen Gier nach Einfluss, Macht und Reichtum.

Gott sei Dank, dass dieses Gebet nicht mit meinen Grundbedürfnissen beginnt, . . .

. . . sondern dass es mich lehrt, von mir wegzuschauen. Gott soll die Ehre gegeben werden und nicht mir. Gelegentlich begreife ich, dass nur so das Leben gelingt, wenn Gott und seinen anderen Geschöpfen die Ehre gegeben wird und nicht meine Bedürfnisse, Kümmernisse und Probleme immerzu im Mittelpunkt stehen – wie sonst in meinem alltäglichen Geplapper.

Da waren also im März zwei Bischöfe von Rom, ein emeritierter und ein gerade frisch gewählter, verbunden mit vielen Millionen. Uns an unsere Grundbedürfnisse zu erinnern und daran, dass sie bei unserem Vater in guten Händen sind, ist der beste Dienst, den diese Bischöfe und den auch wir anderen Menschen und nicht zuletzt uns selbst tun können.

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