Bibellese von Christoph Markschies zu Judika

Judika
Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: . . . Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach: . . . Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke . . . ? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach: . . . zu meiner Rechten oder zu meiner Linken zu sitzen, das steht mir nicht zu, euch zu geben.
Markus 10,35–45
Bibellese von Christoph Markschies zu Judika
Wettlauf um den besten Platz

Groß sein wollen offenkundig viele. Und wir vermuten im Umgang miteinander meistens, dass andere auf unsere Kosten groß werden wollen. Ein Beispiel: Vor vielen Jahren musste die Fakultät, an der ich tätig war, in ein neues Gebäude umziehen. Natürlich gab es Debatten darüber, wer welches Zimmer bezieht. Ich fand ein uriges, verwinkeltes Dachzimmer und bat darum. Dieses Zimmer war sehr unscheinbar im Vergleich zu den anderen, ziemlich hochherrschaftlichen Räumen. Mit meiner Bitte, so nahm ich an, hatte ich Bescheidenheit demonstriert und einen Beitrag zur Beruhigung der Gemüter geleistet.

Ein Kollege sagte mir freilich in ziemlich kritischem Ton, ich sei der Jüngste, hätte mir aber das Zimmer mit den meisten Fenstern ausgesucht. Mir war tatsächlich gar nicht aufgefallen, dass die hochherrschaftlichen Zimmer meist nur ein großes Fenster, das Dachzimmer dagegen zwei oder drei kleine Dachgauben hatte – so recht erinnere ich mich nicht mehr.

Mir fällt die Szene, die ich seinerzeit gar nicht verstand, immer wieder ein, und inzwischen frage ich mich, ob der Kollege meine Bescheidenheitsgeste nicht durchschaut und meinen Wunsch mit seinem Hinweis auf die Zahl der Fenster nur deutlich aufgespießt hatte. Bekanntlich kann man auch mit Bescheidenheit ziemlich eingebildet auf andere wirken.

Mit meinem Versuch, mich in die fens­terreiche, urig gemütliche Dachkammer zurückzuziehen, war ich ähnlich naiv wie Jakobus und Johannes, die für alle Ewigkeit in die unmittelbare Nähe Jesu wollen. Sie wollen so sehr in die Nähe ihres Herrn, dass sie gar keine Probleme darin sehen, mit ihm durch dick und dünn zu gehen. Der fragt: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke?“ Sie sprachen zu ihm: „Ja, das können wir!“

Christoph Markschies

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte evangelische Theologie, klassische Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen und veröffentlichte 1991 seine Dissertation über Valentinus Gnosticus. 1994 habilitierte er sich und wurde 1995 Professor für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Herbst 2000 wechselte er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und hatte dort den Lehrstuhl für Historische Theologie inne. Im Jahr 2001 erhielt er den Leibniz-Preis, einen renommierten Förderpreis für deutsche Wissenschaftler. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte (Patristik) an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Vom 1. Januar 2006 bis zum 18. Oktober 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. Markschies ist Autor von zahlreichen Texten, die in der monatlichen Kolumne "Das Wort" in chrismon Plus erschienen sind.
Thomas Meyer/OSTKREUZChristoph Johannes Markschies
Jesus von Nazareth spießt in der Geschichte vom Herrschen und Dienen nicht nur die Naivität seiner Anhänger auf. Als die anderen Jünger von Jakobus’ und Johannes’ Ansinnen hören, werden sie unwillig. „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihr Mächtigen tun ihnen Gewalt an“, sagt ­Jesus daraufhin. Er macht seine Anhänger schonungslos darauf aufmerksam: Un­sere Versuche, groß zu sein, machen andere Menschen klein. Unsere Versuche, Anerkennung zu bekommen, schmälern die Chancen anderer, anerkannt zu werden. Inzwischen ist mir deutlich, dass die Bemerkung über die Zahl der Fenster eines Dienstzimmers ein Ausdruck eben jenes berechtigten Wunsches nach Anerkennung war, dem ich offenkundig eine subtile Form von Gewalt angetan hatte.

Jesu Empfehlung ist wahrscheinlich so schwer anzuhören wie seine Diagnose: Er rät seinen Jüngern ebenso wie uns, durch Gesten und Handlungen der Unterwerfung die Lage zu beruhigen und so den anderen Anerkennung zu zollen. Wieder einmal werden am See Genezareth alle Werte umgewertet und das, was gilt, wird ins Gegenteil verkehrt: „Aber so ist es ­unter euch nicht; sondern wer von euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“

Man muss diese Sätze nicht als subtile Strategie lesen, es unter schwierigen Umständen doch an die Spitze zu bringen. Man kann sie auch als klugen Ratschlag nehmen, wie Machtverhältnisse, in denen viel Gewalt herrscht, befriedet werden können. Einer oder eine muss aus dem Kreislauf dieser Gewalt und der gewaltsamen Versuche, größer zu scheinen als die an­deren, aussteigen. Und versuchen, den anderen – und nicht sich selbst – etwas Gutes zu tun. Schlagartig können sich dann die Verhältnisse wandeln. Jesus von Nazareth hat offenbar so gelebt. Man wüsste gern, ob Jakobus und Johannes Erfolg hatten mit ihrem Versuch, auf seinen Spuren zu wandeln. Ich arbeite noch daran, diesen Ratschlägen Jesu zu folgen.

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