Besser auf die Störer hören

Karsamstag
Des Herrn Hand kam über mich und er führt mich hinaus im Geist des Herrn und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine . . . So spricht Gott der Herr ­zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe ­euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet . . .
Hesekiel 37, 1–14
Besser auf die Störer hören

Propheten und Prophetinnen sind Figuren, die im Namen Gottes den überzeugenden Selbstverständlichkeiten widersprechen. Den ersten Widerspruch erhebt Hesekiel, als das Volk Israel noch in seinem Land ist, den Götzen der Gewalt und der Macht dient und es nicht erkennt, dass Gott die Strafe schon beschlossen hat. Das Unrecht, lange und von vielen geübt, wird zur unbefragten Selbstverständlichkeit. Die Aufgabe des Propheten ist, zu drohen und die Binde von den verblendeten Augen zu reißen. In jener Zeit gibt es andere Weissager, Lügenpropheten werden sie genannt. Sie widersprechen nicht; sie erzählen, dass alles schon seine Richtigkeit habe. Sie übertünchen die Wände der Häuser des Unrechts mit dem Kalk ihrer Zustimmung. Sie sagen „Friede“, wo doch kein Friede ist (13,10).

Mit Hesekiels Mund widerspricht der Geist Gottes dem falschen und gefährlichen Frieden: „Die übertünchten Wände des Lügenhauses werden einfallen.“ (13,12) Den Lügenpropheten ist leichter zu glauben. Sie verlangen keine Veränderung und Bekehrung, und sie dienen den Interessen der Macht. Sie sagen kein Unglück an und bestätigen die Selbstverständlichkeit des Abfalls von Gott. Vielleicht sollten ein Volk, ein Land, eine Kirche und wir selbst aufmerksamer sein auf die Unglückspropheten als auf die, die behaupten, es habe schon alles seine Richtigkeit; besser auf die Störer als auf die Beruhiger.

Ein Prophet widerspricht im ­Namen Gottes den überzeugenden Selbstverständlichkeiten

Es kommt, wie es kommen muss: Das Unglück reisst die Binde von den Augen des geblendeten Volkes. Sie verlieren ihr Land und geraten in die Gefangenschaft ihrer eigenen Untaten. Sie leben in Babylon, fern von den Gräbern ihrer Toten und vom Tempel; ohne Aussicht auf Rettung und ohne Trost. Ihre Hoffnung ist tot; tot wie das Feld von Totenschädeln, das der Geist Gottes Hesekiel sehen lässt: „Es lagen sehr viele Gebeine über dem Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.“ (37,2)

Es gibt nichts mehr zu erwarten. Die Hoffnungslosigkeit ist zur Natur und zur Selbstverständlichkeit geworden, wie es das Unrecht und der Götzendienst waren, als sie noch in den Gebäuden ihrer falschen Sicherheiten wohnten. Was ist von Totenschädeln zu erwarten? Ihre Lippen loben Gott nicht mehr und sie küssen nicht mehr. Das ist die neue Selbstverständlichkeit.

Ein Prophet ist ein Mensch, der im ­Namen Gottes den überzeugenden Selbstverständlichkeiten widerspricht – denn mit eigenem Mund kann man nur sagen, dass die Toten tot sind! Nun also Hesekiels Widerspruch: „Ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren ­Gräbern herauf und bringe euch in das Land Israels.“ (37,12) Gott erhebt mit der Stimme des Propheten seine Einwände gegen den Tod der Verlorenen, wie vorher gegen die Lage des Unrechts. Vielleicht ist dem Hoffnungsversprechen so schwer zu glauben, wie das Volk vorher der Untergangsdrohung nicht geglaubt hat. Darum die pädagogisch-dramatische Vision, wie sich Sehnen über die Knochen ziehen; wie Fleisch darüber wächst und der Hauch Gottes in ihren geistlosen Leib fährt.

Hesekiel – eine Ostergeschichte

Vielleicht hat Gott ebenso viele Mühe, uns aus der Süße unserer Hoffnungslosigkeit zu zerren wie uns zu bekehren. Den Toten kann kein Tod mehr genommen werden. Das ist der schwächliche Trost ­der Verlorenen. Aber Gott ist ein Gott des Widerspruchs, und darum findet er sich nicht ab mit der Verlorenheit der Verlorenen.

Hesekiel – eine Ostergeschichte: Einen anderen Getöteten, Erschlagenen, auf das Feld der Toten Gezerrten hat der Atem Gottes angehaucht. Auch seinem Tod hat Gott widersprochen. Man stürzt sich in diese Nachricht. Die Rettungsdurstigen haben keine andere Wahl.

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