Neue Lesermeinung schreiben

Zur Eingangsfrage "Warum Christen ausgerechnet mit Kerzen durch die Stadt ziehen, die von jedem Lüftchen ausgepustet werden können?" möchte ich Ihnen einige ergänzende Anmerkungen aus der Sicht eines Zeitzeugen der Ereignisse um die Friedensgebete und die Montagsdemonstrationen in Leipzig und an anderen Orten der ehemaligen DDR mitteilen.
Die brennenden Kerzen hatten in diesem Zusammenhang über ihre Symbolik als Friedenszeichen eine weit darüber hinaus gehende Bedeutung und einen tieferen Sinn, weshalb sie zum äußeren Zeichen der Friedensbewegung geworden sind.
"Keine Gewalt" war die These der Friedensbewegung, worauf die Teilnehmer der Demonstrationen vorbereitet wurden und was mit dem Tragen der Kerzen umgesetzt werden sollte, denn die Träger der Kerzen müssen sich behutsam und besonnen bewegen, damit die Flamme nicht erlischt oder sie die Nachbarn gefährdet. Die Kerze wird in einer Hand getragen, die zweite Hand beschützt die Flamme - kein Platz für eine Faust! Der Träger der Kerze ist voll konzentriert und zur Passivität gezwungen. Aggressive Gedanken und Handlungen treten zurück. Eine Kerze ist schwach, empfindlich und leicht zu übersehen. Viele Kerzen sind ein leuchtendes Feld, das von Menschenhänden bewegt wird und die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Dieses friedliche Erscheinungsbild einer großen Menschengruppe und ihr passives, meist noch schweigendes Verhalten waren eine hohe moralische Herausforderung für die Träger der bewaffneten Staatmacht, die doch eigentlich aus Freunden, Nachbarn, Kollegen und Mitbürgern besteht, denen gegenüber keine Gewalt ausgeübt, ihnen aber auch kein Anlass dazu geboten werden sollte.
Letztlich war das wohl der tiefere Grund dafür, warum die Staatsmacht vor den Augen der Welt es nicht wagte, zum Äußersten zu greifen, und die Wiedervereinigung friedlich erreicht werden konnte.
Dr. Volker Höhne