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Liebe Redaktion, obgleich nicht mehr Mitglied, lese ich Chrismon immer mit Gewinn. Natürlich sind für mich nicht alle Themen relevant, aber in jeder Ausgabe sind Beiträge, die mich persönlich berühren. Das gilt auch für den Beitrag "Und dann war Funkstille". Offen gesagt, fand ich das ganz tröstlich, denn es zeigt sich ja immer wieder, dass Familie oder das Verständnis darüber, was Familie ist, bei den Familienmitgliedern ausgesprochen unterschiedlich gesehen und gelebt wird. Es kann aber auch umgekehrt gehen: dass Eltern den Kontakt mit ihrem Kind abbrechen. So ist es mir gegangen. Als ich mich im „hohen“ Alter von 41 Jahren als homosexuell outete (übrigens auf Drängen meiner Schwestern), brach mein Vater den Kontakt umgehend ab. Das war vor 17 Jahren und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen und gesprochen; er ist heute 87, ich 60 Jahre alt. Vor dem Outing hatte ich übrigens 18 Jahre mit einer Frau zusammen gelebt. Trotz jahrelanger Bemühungen, ist es nicht gelungen, zu ihm durchzudringen. Im Gegenteil: ich habe heute weder zu meine Eltern (Mutter 84 Jahre) und meinen beiden Schwestern Kontakt. Interessanter weise hat auch meine Patentante (Schwester meiner Mutter) den Kontakt zu mir abgebrochen, obwohl sie – wie auch meine Schwestern – nicht mit meinem Vater unter einem Dach lebt. Mein Outing war offenbar ein „Katalysator“, das das Konstrukt Familie hat implodieren lassen. Ich bin überzeugt davon, dass mein Vater selbst schwul ist und das nie ausgelebt hat (er ist Kriegskind, ich Kriegsenkel). Ich glaube, er könnte besser damit umgehen, wenn ich jemand umgebracht oder eine Bank überfallen hätte. Aber das zu Leben, was er sich versagt hat, geht offenbar zu weit. Ich war übrigens der Einzige, der an das Konstrukt „Familie“ geglaubt hat (meine Schwestern sahen das mehr unter Kosten-Nutzen-Aspekten) – und bekam eine Klatsche, als ich genau die Familie gebraucht hätte. Interessanterweise treten meine Eltern mit ihrem Verhalten genau die Werte mit Füßen, die sie zumindest in mir ziemlich tief verankert haben – ich rede hier gar nicht von christlichen Werten. Mein spätes Outing (meine Partnerin hatte sich von mir getrennt) war vermutlich reiner, instinktiver Selbstschutz: mit Anfang 20 wäre vermutlich dasselbe passiert – das hätte ich seinerzeit aber emotional nicht verkraftet. Ich habe meinen Mann übrigens in dem Jahr (2002) kennen gelernt, als ich mich geoutet habe. Wir sind seit November 2011 verpartnert und mittlerweile auch verheiratet. Die Umschreibung haben wir im Juni vergangenen Jahres vorgenommen. Dazu hatte ich meine Eltern schriftlich eingeladen – ich habe – einmal mehr – keine Antwort bekommen. Schöne Grüße
Ralf B.