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Den so kraftvollen und historisch bedeutsam gewordenen Ruf von 1989 "Wir sind das Volk!" interpretieren Sie leider zu flach. Mit dieser Parole bezeichneten sich die Demonstranten nicht einfach als "ganz normale Bürger", sondern sie widersprachen so kurz wie treffend und ironisch der stetigen penetranten Bezugnahme der Herrschenden auf "das Volk" etwa mit Volksarmee, Volksmarine, Volkspolizei, Volkskammer, Volksbildung, Volksdemokratie, Volkswahlen und Volkseigenen Betrieben. Sie erinnerten damit an jene Volkssouveränität, auf die sich die DDR jedenfalls in der Papierform und in den angemaßten Traditionen von 1789 und 1848 durchaus berief. Und noch auch waren die Demonstrationen von 1989 immer noch Teil eines Dialogangebots mit dem Regime, immer noch unter Bezugnahme auf dessen Begrifflichkeiten. Weil das Regime sich zu jeder Antwort unfähig zeigte, stürzte es.
Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist das Gebrüll heutiger Feinde von Recht, Freiheit und Dialog in Dresden und anderswo um so trostloser.