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Sehr geehrter Herr Singe, da Ihnen erfreulicherweise beim Militär offenbar nicht als erstes der Dank an die Soldatin, sondern eher ein "Nein danke" an den Krieg in den Sinn kommt, möchte ich zu Ihrem Plädoyer für eine sogenannte unabhängige Militärseelsorge anmerken: Mit "Kumpanei" und "theologisches Sahnehäubchen" ist das Verhältnis von Glaube und Staatsgewalt nicht zutreffend beschrieben.

Vom prächtigen Zusammenspiel zwischen Kirchen und BRD profitieren die Kirchen dadurch, dass sie auch weiterhin Sonderrechte und Zugriffsmöglichkeiten auf das Menschenmaterial in dem wichtigen gesellschaftlichen Bereich der Bundeswehr haben. In Zeiten, wo die Kirchensteuerzahler nachhaltig vom liebevollen Sinnstiftungs- und Betreuungsangebot der Glaubensgemeinschaften Abstand nehmen, werden sich die Kirchen diese Butter nicht vom Brot nehmen lassen.

Was erwartet der Staat dafür im Gegenzug? Kumpanei? Theologische Sahnehäubchen? Nein, die Preisliste des Staates ist da schon etwas spezifischer und anspruchsvoller. Erstens soll sich die Militärseelsorge darum kümmern, dass die Soldaten auch bei "56 Grad im Schatten" nicht anfangen, durchzudrehen, sondern weiter funktionieren und Dienst schieben. Zweitens sind die Kirchen die gesellschaftlich anerkannten Großmanager in Friedenssymbolik. Friedensgebet, Friedensgeläut, Friedensmärsche, Friedensbotschaft, Friedefürst. Wer solchermaßen von Frieden trieft und dann mitteilt, dass Krieg zwar nicht schön und schlimme Sünde, aber dennoch eben nötig sei und die Soldaten wertgeschätzt gehören, dessen Wort hat Wucht. Was die Kirchen dadurch an gesellschaftlicher Akzeptanz von Krieg und seiner Vorbereitung schaffen, bekommt der Staat alleine durch seine "Wir. Dienen. Deutschland." - Kampagne nicht hin.

Der dritte Punkt ist der wichtigste. Was braucht ein Staat zum Kriegführen? Waffen, eine fachkundige und zum Gehorsam bereite Bedienmannschaft, das Militär also und unwidersprechlich gute Kriegsgründe. Die müssen ganz oben im Wertehimmel hängen. Dort muss sie jemand aufgehängt haben und laufend pflegen. Das ist der entscheidende Beitrag des Glaubens zum Kriegführen. Menschenrechte, Frieden, Freiheit und Bewahrung der Schöpfung wetteifern dort derzeit um die Gunst, der Berufungstitel für das nächste größere Gemetzel sein zu dürfen. Lebensraum im Osten ist out und "Erdöl" und "wirtschaftliche Interessen" entstammen zur Abwechslung mal der linken Märchenkiste. Diese Pflege des Wertehimmels liefern die Profis von der Kirche in unermüdlicher täglicher Arbeit. Schon die Tante vom Kindergottesdienst weiß den Kleinen altersgerecht klar zu machen, dass man nicht alles tun darf, worauf man Lust hat. Frau Pfarrerin vertieft das dann später zur Erkenntnis, dass das anständige Leben daraus besteht, Werten zu folgen. Herr Professor im Oberseminar spannt dann schließlich den Bogen zu den Großen des Geistes und dem angeblich gewaltfreien Mann aus Nazareth.

Und dieses sehr erfolgreiche Geben und Nehmen zwischen der mit Krieg kalkulierenden Staatsgewalt und dem christlichen Glauben möchten Sie dadurch ins Wanken bringen, dass die Militärseelsorge staatsunabhängig werden soll. Da stellen sich bei mir Zweifel ein.

Friedrich Feger