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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Frau Bürger-de Castillo hat per E-Mail meine Nachricht kommentiert. Sie bitte darum, Ihre Antwort hier zu veröffentlichen. Der Bitte kommen wir gern nach. Die Antworten auf meinen - gefetteten - Kommentar sind daran zu erkennen, dass sie nicht gefettet sind.

Grüße aus der chrismon-Redaktion

Nils Husmann

Mir fällt auf, dass viele Leserinnen und Leser, die sich an dem Beitrag stören oder gar - wie Sie - entsetzt sind, sofort erwidern: Deutsche Männer begehen auch Partnerschaftsdelikte, bis hin zum Mord. Das haben auch unsere Recherchen ergeben, und wir haben das in dem Text auch klar benannt. Die Geschichte von Frau H. besteht aber exakt aus dieser Replik, die oft - und ich kann es auch verstehen, es ging mir nicht anders - wie ein Reflex kommt: Deutsche tun das auch.


Mein Reflex ist nicht: Deutsche tun das auch. Sondern: Wenn ein Deutscher das tut, wird der Fall als Partnermord verhandelt, als Beziehungstat. Es wird nicht ein Hintergrund im System des Täters konstruiert, aus dem heraus nicht nur eine Erlaubnis zum Töten, sondern geradezu ein Auftrag herausgelesen wird.

 

Dieser Reflex hilft Frau H. und anderen Opfern aber nicht. Ihre Frage geht weiter, ist politisch heikel und verlangt nach einer differenzierten Antwort: Kann die Kultur, die einen Mann geprägt hat, ebenfalls ein Faktor (ein Faktor, es gibt immer auch andere) sein, der zu Straftaten führt? Diese Frage ist in der Welt, es gibt viele Menschen, die diese Frage aufwerfen.

 

Dieser Frage kann ich nur zustimmen. Natürlich gibt es solche Faktoren. Da muss ich aber präzisieren, welche Kultur führt zu welchen Straftaten? Die Kultur der italienischen Mafia erzieht zu Betrug, Geldwäscherei bis hin zum Mord. Die der mexikanischen Drogenbarone zu allen möglichen Verbrechen. Beide Gruppen sind überwiegend Katholiken. Es gibt in Deutschland Gruppen, die zu Sozialbetrug, Geldwäsche, Prostitution etc erziehen, die können russisch oder libanesisch sein, christlich oder moslemisch. Es gibt Gruppen, in denen die Blutrache von Generation zu Generation als kulturelles Gut weitergegeben wird. Ich kenne Fälle aus den Medien von Familien mit moslimischem oder jesidischem Hintergrund, die zu "Ehrenmorden" angestiftet haben. Ich kenne keine Prägung in einer kulturellen Gruppe, die zu Partnermord anstiftet oder ihn nicht ächtet.

 

Ich habe in der Antwort auf die Zuschrift einer anderen Leserin schon ausgeführt, dass es durch die Digitalisierung Medienangebote gibt, die diese Fragen aufgreifen - und eben nicht differenziert beantworten, sondern höchst einseitig, um es vorsichtig zu formulieren. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Seiten wie "Tichys Einblicke" in einem Monat zwei Millionen Besucher verzeichnen. Meine Frage an Sie: Was ist gewonnen, wenn wir Fragen, wie Marianne H. sie für stellvertretend für viele andere Menschen formuliert, solchen Medienmachern überlassen?

 

Ich teile Ihr Erschrecken über solche Seiten und ihre Kommentare. Aber kann es sein, dass wir, um diese Themen nicht "solchen Medienmachern" zu überlassen, eigene Diskussionen in einer Weise anzetteln, über die sich AFD , Junge Freiheit und  Islamhasser nur freuen? Sie feiern ihre Erfolge.


Was ist in Ihrem Kommentar schwierig finde, ist der Umstand, dass Sie Frau so etwas wie eine Mitverantwortung zusprechen. Warum hat sie die SMS nicht angezeigt? Ich kann Ihnen sagen, warum sie das nicht getan hat: Weil sie, wie Eltern das nun mal so machen, gehofft hat, dass die Geschichte irgendwie noch gut ausgeht. Weil sie durch eine Anzeige befürchtete, alles könne nur noch schlimmer werden. Weil es schwierig ist, sich in das Leben eines erwachsenen Kindes einzumischen.

Ich finde, das ist nachvollziehbar. Und ich bitte Sie, sich mal einen Moment in die Lage von Frau H. zu versetzen und dann zu lesen zu müssen, man habe es ja vielleicht als Mutter selbst in der Hand gehabt, so eine Tat zu verhindern. Wie würden Sie sich fühlen? Vielleicht bekommen Sie dann einen Eindruck davon, was Frau H. mit der Aussage meint, sie selbst habe auch lebenslänglich erhalten.

Sie halten mich für empathielos.

Ich halte Folgendes dagegen:

Natürlich ist das Verbrechen schrecklich für die Mutter, gar nicht zu verkraften. Natürlich fragt sie sich, wie alle Eltern, ob die das Geschehen irgendwie hätte verhindern können. Bei ihrer Suche nach Antworten begegnet sie dieser Gruppe. Von ihr  lässt sich die Mutter  instrumentalisieren. Statt  wirkliche Trauerarbeit zu leisten,   benützt diese Gruppe ihre Geschichte und ihre Gefühle des Hasses auf den Täter, die natürlich zu verstehen sind,  um das Objekt des Hasses auszuweiten  und direkt oder indirekt zum Hass auf eine ganze Gruppe aufzurufen, die der moslemischen (jungen) Männer. Die Mutter will jetzt ihren Beitrag leisten,  die Gesellschaft "wachzurütteln" im Hinblick auf die Gefahr, die von muslimischen Männern als tickende Zeitbomben ausgehen. Oder verstehe ich diese Zeilen falsch: "Wer dort liest, gewinnt den Eindruck, dass Messerattacken Alltag sind. Sie sieht es so: "Hätten wir diese Fakten vorher gehabt, wir hätten anders gehandelt und Anne beschützen können."

Sie sieht also Versäumnisse, die die Tat  hätten verhindern können, aber welche sieht sie? Was ist es denn, was sie jetzt erst, nach Aufklärung durch diese Gruppe weiß? Sie wusste ja schon, dass dieser Mann gefährlich und gewaltbereit war.  Was wusste sie denn damals noch nicht?  Dass alle jungen Muslime tickende Zeitbomben sind? Sie sieht doch hier Fehler, die nicht sie, aber die Gesellschaft angeblich gemacht hat. Angesichts der Morddrohungen, was mehr an Information hätte sie denn gebraucht, um den Mord angeblich verhindern zu können? 

Welche Erkenntnis wollen Sie denn als Sprachrohr dieser Mutter verbreiten? Um welche Fakten geht es ?

 

Soweit meine Antwort auf Ihren Kommentar. Ihr Verdienst ist es , einiges wenigstens nicht umkommentiert hingestellt zu haben, was die Mutter als "neues Wissen" hinstellt.  

 

Aber trotzdem geben Sie eben mit dieser Geschichte einen Raum in einem kirchlichen Blatt, in der die Mutter vom Opfer zur Anklägerin wird und von einer Gruppe instrumentalisiert wird, die nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes steht und faschistisches Denken verbreitet und Hass nicht nur auf die Gruppe der muslimischen Männer verbreitet, sondern darüber hinaus auf alle Flüchtlinge. Die Belege liefere ich unten.

 

Die folgenden beiden Kommentare mögen dazu dienen, zu veranschaulichen, was ich meine.

 

 Herr Steinmeier fragt: In dem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, welche Milieus, Kulturen, Sozialisation solche furchtbaren Entwicklungen verstärken mögen - und was man tun kann, um dem entgegen zu wirken.

Susanne Koch:" Es ist absolut nicht hilfreich Frauenfeindlichkeit von Muslimen, Türken, Nordafrikanern nicht zu benennen, nur um nicht als RassistIn verschrien zu werden! Das spült viele Menschen, die diese Problematik nicht so differenziert wahrnehmen, den Rechten in die Arme und das ist fatal!"

 

Umschreibungen wie "solche furchtbaren Entwicklungen" oder "diese Problematik" werden den Fakten nicht gerecht. "Partnermord" ist nicht in einen Topf zu werfen mit anderen Straftaten, für die es Sinn macht, zu schauen, welche Sozialisationsbedingungen dazu führen. Partnermord hat in allen Kulturen   was zu tun mit  verletzter Ehre , oder gegenüber einem Kind mit  der Devise: Wenn ich den Nachwuchs nicht krieg, soll ihn keiner haben". Solche triebgesteuerten Taten lassen sich vielleicht aus der Entwicklungsbiologie erklären, mit unserer Verwandtschaft mit anderen Säugetieren, aber keinesfalls aus dem Islam. Ob es in moslemischen Gesellschaften mehr Psychopathen gibt, als in anderen, glaube ich nicht. Eine Freundin hat heute gerade gepostet: Was provoziert Gewalt in einer Paarbeziehung? Verachtet zu werden. Die Verachtung ist Mörderenergie, genauso zerstörerisch wie die physische Gewalt." Damit kann ich mehr anfangen, als mit der Zuschreibung zu einer bestimmten Religion und Kultur.

Auch Gesellschaften mit einem anderen Frauenbild setzen sich aus Familien zusammen, in denen die Eltern für den Nachwuchs aufkommen und diesen meist sehr lieben.

Dadurch, dass die Mutter  sich instrumentalisieren lässt, reduziert sie  mein Mitgefühl, wie andere Opfer, die zum Rachefeldzug aufrufen, auch. Ihr Schwiegersohn war von Hass erfüllt, und sie lässt sich von einer Gruppe dezidierter Islam- und darüber hinaus Religionshasser benutzen, die Maßnahmen vom Staat fordern, um uns vor diesen tickenden Zeitbomben zu schützen und die Flüchtlingspolitik zu revidieren.

Eine Haltung, die ich für Ihre Zeitung passender finde, ist diese: : Vous n'aurez pas ma haine. "   

https://www.20minutes.fr/societe/1819967-20160405-attentats-novembre-antoine-leiris-perdu-femme-bataclan-raconte-vie-apres

https://www.theguardian.com/books/2016/oct/16/antoine-leiris-you-will-not-have-my-hate-interview-paris-attacks-helene-bataclan

https://www.bbc.co.uk/programmes/articles/5pyQ8y7NsFpB5nQ1C9xxRSb/you-will-not-have-my-hate-by-antoine-leiris

https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Tue-au-Bataclan-Fabrice-Dubois-victime-de-la-haine-865559

 

Diese Haltung ist vorbildlich: Wenn ich mit Hass antworten würde, wäre ich den Tätern ähnlich.