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Es ist ehrenwert, dass Sie Frau H. zuhören. Ihr Schicksal ist furchtbar und Ihre Perspektive nicht überraschend. Wie und was man denkt, wenn das eigene Kind ermordet wird, kann wohl niemand vorher erahnen und kann von außen auch kaum be- oder gar verurteilt werden.
Dass Sie diese Perspektive salonfähig machen ist allerdings hochproblematisch. Ja, es herrschen unterschiedliche Vorstellungen des Miteinanders von Mann und Frau auf der Welt und Unterdrückung von und Gewalt gegen Frauen ist ohne Ausnahme zu verurteilen. Dabei aber den rassistisch konstruierten Zusammenhang von "Kultur" und "Frauenunterdrückung" unhinterfragt zu übernehmen ist schlichtweg brandgefährlich. Schon mal überlegt, dass die Gruppe der Migranten (unter anderem aufgrund politischer Entscheidungen) überwiegend aus jungen Männern besteht? Und dass diese Gruppe (junge Männer) überwiegend für Straftaten in Dtl verantwortlich ist? Noch dazu sind Geflüchtet häufig traumatisiert und brauchen dringend psychologische Hilfe. So ist der überdurchschnittliche Anteil von Ausländern an Sexualstraftaten auch ganz ohne "Kultur" zu erklären. Und manche sind auch einfach Arschlöcher, wie es sie überall gibt.
Außerdem ist es mitnichten so, dass alle Deutschen ohne Migrationshintergrund Gleichberechtigung super finden und Gewalt gegen Frauen ablehnen. Vergewaltigung in der Ehe ist bspw. noch nicht besonders lange in Dtl. eine Straftat. Haben Sie schon mal Statistiken ausgewertet, wie Gewalt gegen Frauen und Wahlverhalten korrespondieren? Oder Stadt- und Landbewohner sich diesbezüglich unterscheiden? Oder Ost- und Westdeutschland? Könnte ihre nächste Titelschlagzeile dann bitte sein "Es war ein bayerischer CSU-Wähler vom Dorf"? Hört sich irgendwie unangemessen an für einen Titel oder? Würden Sie wohl nicht schreiben, weil es reißerisch und pauschalisierend klingt. Und genauso ist es mit dem von Ihnen gewählten Titel.
Jetzt können sich die AfD-Sympathisierenden zurücklehnen und sagen: Seht, endlich hat's die Kirche auch gemerkt. Wir haben also Recht. Mir, als Kirchenmitglied und Pfarrerin, ist es ein großes Ärgernis, dass ein solcher Artikel in einem Magazin steht, dessen Herausgeber der Ratsvorsitzende ist und das als Magazin der ev. Kirche gelesen wird. Der Effekt Ihres Artikels ist m. E. nicht, dass Frau H. "nicht den Vereinfachen überlassen" wird, sondern dass diese sich von der Kirche bestätigt fühlen. Furchtbar!