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Sehr geehrte Frau Bürger-de Castillo,

auch für Ihren Beitrag möchte ich mich bedanken. Ich finde es wichtig, dass der Beitrag über Marianne H. diskutiert wird. Auch Frau H. ist das wichtig.

Mir fällt auf, dass viele Leserinnen und Leser, die sich an dem Beitrag stören oder gar - wie Sie - entsetzt sind, sofort erwidern: Deutsche Männer begehen auch Partnerschaftsdelikte, bis hin zum Mord. Das haben auch unsere Recherchen ergeben, und wir haben das in dem Text auch klar benannt. Die Geschichte von Frau H. besteht aber exakt aus dieser Replik, die oft - und ich kann es auch verstehen, es ging mir nicht anders - wie ein Reflex kommt: Deutsche tun das auch.

Dieser Reflex hilft Frau H. und anderen Opfern aber nicht. Ihre Frage geht weiter, ist politisch heikel und verlangt nach einer differenzierten Antwort: Kann die Kultur, die einen Mann geprägt hat, ebenfalls ein Faktor (ein Faktor, es gibt immer auch andere) sein, der zu Straftaten führt? Diese Frage ist in der Welt, es gibt viele Menschen, die diese Frage aufwerfen. Ich habe in der Antwort auf die Zuschrift einer anderen Leserin schon ausgeführt, dass es durch die Digitalisierung Medienangebote gibt, die diese Fragen aufgreifen - und eben nicht differenziert beantworten, sondern höchst einseitig, um es vorsichtig zu formulieren. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Seiten wie "Tichys Einblicke" in einem Monat zwei Millionen Besucher verzeichnen. Meine Frage an Sie: Was ist gewonnen, wenn wir Fragen, wie Marianne H. sie für stellvertretend für viele andere Menschen formuliert, solchen Medienmachern überlassen?

Zur sog. "Initiative an der Basis": Ich habe die Antworten, die Frau Sommer für Marianne H. bereithält, im Text auch als rassistisch bezeichnet. Was die Auswirkungen dieser Initiative auf die Arbeit mit Geflüchteten angeht, wäre ich auch sehr interessiert an einem Gespräch mit Ihnen, wenn Sie mögen (Kontakt: husmann@chrismon.de).

Was ist in Ihrem Kommentar schwierig finde, ist der Umstand, dass Sie Frau so etwas wie eine Mitverantwortung zusprechen. Warum hat sie die SMS nicht angezeigt? Ich kann Ihnen sagen, warum sie das nicht getan hat: Weil sie, wie Eltern das nun mal so machen, gehofft hat, dass die Geschichte irgendwie noch gut ausgeht. Weil sie durch eine Anzeige befürchtete, alles könne nur noch schlimmer werden. Weil es schwierig ist, sich in das Leben eines erwachsenen Kindes einzumischen.

Ich finde, das ist nachvollziehbar. Und ich bitte Sie, sich mal einen Moment in die Lage von Frau H. zu versetzen und dann zu lesen zu müssen, man habe es ja vielleicht als Mutter selbst in der Hand gehabt, so eine Tat zu verhindern. Wie würden Sie sich fühlen? Vielleicht bekommen Sie dann einen Eindruck davon, was Frau H. mit der Aussage meint, sie selbst habe auch lebenslänglich erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Nils Husmann, Redaktion chrismon