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Sehr geehrte Frau Heyer,

vielen Dank für Ihre sehr engagiert vorgetragene Meinung. Dass Sie mir vorhalten, ich hätte mich nur besser vorbereiten müssen, finde ich - ehrlich gesagt - fragwürdig. Aber es ist Ihre Sache, so zu argumentieren. Das hilft uns aber nicht weiter.

Zur Sache möchte ich Ihnen dennoch gern ausführlich antworten: Uns ist bewusst, dass dieser Text verstört. Dieser Text hat eine Vorgeschichte; ich würde mich freuen, wenn Sie uns die 20 Minuten schenken und sich diesen Podcast anhören:

Frau H. hatte sich an uns gewandt, weil sie sich an einem Streitgespräch im Heft gestört hatte. Sie können dieses Gespräch hier nachlesen:

Frau H. nahm das Gespräch zum Anlass, uns zu schreiben, dass ihre Geschichte nirgends erzählt werde - außer von Politikern wie Herrn Münz. Wie viele andere Menschen auch, findet sie sich in der Themenauswahl großer Medien nicht wieder. In ihrem langen Brief hat sie uns ihre Geschichte erzählt. Sicher hätten wir die Möglichkeit gehabt, den Brief entweder zu ignorieren oder aber freundlich zu antworten: "Liebe Frau H., was Ihnen passiert ist, tut uns leid. Das ist aber ein Einzelfall, den wir nicht zum Thema machen möchten. Bitte haben Sie Verständnis." Beides ist nicht besonders mutig, finde ich.

Wir haben uns für einen dritten Weg entschieden und Frau H. vorgeschlagen: "Sie erzählen uns Ihre Geschichte, aber es ist unsere Aufgagabe, die Schlüsse, die Sie daraus ziehen, einer Gegenrecherche zu unterziehen."

Offenbar empfinden Sie diese Gegenrecherche als unzureichend. Das ist ihr gutes Recht. Dennoch möchte ich hier nochmals einige Zitate entgegnen:

32 Prozent aller Partner­schaftsdelikte gehen auf Menschen ­zurück, die keinen deutschen Pass ­haben. Diese Gruppe ist unter den Tätern über­repräsentiert, denn der Anteil der in Deutschland ­lebenden Menschen mit fremdem Pass beträgt zwölf Prozent. Wahr ist wiederum auch: Die Männer, die 2017 eines Deliktes aus dem Bereich der Partnerschafts­gewalt verdächtig waren – die gestalkt, bedroht, eine Frau ­körperlich verletzt oder gar getötet haben – ­kommen nicht nur aus muslimisch geprägten Ländern. Acht ­Prozent haben einen polnischen und je vier Prozent einen rumänischen, serbischen und italienischen Pass. Und die meisten einen deutschen.

 

Mathias Rohe, Jurist, Islamwissenschaftler und Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg: Die Scharia ist kein starres Gesetzbuch, sondern ein komplexes System, das die gesamte Normenlehre des Islams beinhaltet. Es geht zum Beispiel darum, wie Muslime richtig beten. Das ist von unserer Religionsfreiheit gedeckt. Normen, die patriarchalisch vorgeformt sind, sind dagegen problematisch. Aber man muss die Scharia dynamisch lesen. In vorislamischer Zeit ­wurden Frauen vererbt. Die Scharia regelte, dass sie selbst erbberechtigt wurden. Das war ein Fortschritt, und der ist auch im Islam jederzeit möglich. Das Problem ist das Patriarchat. Alle Religionen müssen sich von traditionellen Vor­stellungen lösen, die es legitimieren. Der Behauptung, der Islam könne nicht anders, als Frauen kleinzuhalten, müssen wir so entschieden entgegentreten wie den Islamisten. Sie ist falsch. Es sind vor allem kulturelle und nicht religiöse ­Prägungen, die patriarchale Strukturen stützen. Ja, in ­manchen muslimischen Milieus gibt es problematische Frauen­bilder. Es wäre diskriminierend, nicht darüber zu reden, weil wir sonst muslimischen Frauen, die in ihrer Rolle leiden, nicht helfen. Bei uns sind alle Frauen gleichberechtigt. (...)

 

 

Aber: Die aller­meisten Zugewanderten sind nicht kriminell

 

Mein Eindruck ist, dass Sie befürchten, die Gesellschaft rücke noch weiter nach rechts; Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie nähmen noch weiter zu und begünstigten den Erfolg rechtsextremer Parteien (als solche ist die AfD im Text übrigens bezeichnet), was in Summe die Demokratie gefährde. Ich jedenfalls habe diese Sorge.

Und dennoch kann ich nicht daran vorbei, dass in bestimmten Kulturen sehr schwierige, unakzeptable Frauenbilder eine Rolle spielen. Ich komme abermals auf Herrn Rohe zurück: Das gilt für alle Religionen als Teil der Kultur, ausdrücklich auch für die christliche. Darüber müssen wir reden, was ja mittlerweile auch Vertreterinnen der Grünen so sehen. Wie denken Sie denn über deren Vorstoß?

Ich finde, wenn wir uns dieser Debatte nicht stellen, hilft das nur den Rechten und den Vereinfachern. Denn auch das ist Teil der Geschichte von Frau H.: Von diesen Leuten wird sie gehört. Ihre Geschichte ist auch auf der Seite "Tichys Einblicke" nachzulesen. Dort fehlt aber eine Einordnung, wie wir sie vorgenommen haben. Sie spricht dort direkt zur Leserschaft. Und die ist erheblich. Im April 2019 ist diese Seite 2,4 Millionen Mal besucht worden. Das zeigt: Es gibt ein - oft vorurteilsgetriebenes Interesse - an diesen Themen. Wer nach Antworten zu Fragen sucht, die zu stellen allein schon als rassistisch missverstanden werden kann, glaubt sie dort zu finden. Aber es sind die falschen Antworten. Unser Ziel war es dagegen, Frau H. gerecht zu werden, ohne ihr in jedem Punkt recht zu geben. Wir erhalten viele Rückmeldungen, dass das auch gelungen ist und die Differenzierung durch Frau Schirrmacher, durch Herrn Rohe unsere Recherchen gelungen ist - aber es gibt auch viel Kritik.

Zum Titel des Heftes: Mir ist bewusst, dass dieser Titel aufwühlt. Bei dem Satz "Es war ein Algerier" handelt es sich aber um ein Zitat. Es ist keine Aussage der Redaktion, sondern die Aussage einer Frau, die wir im Heft erzählen. Die Klage von Frau H. wird dann im Text verhandelt. Ob nun in journalistisch gelungener oder schlechter Form - darüber werden wir uns vermutlich nicht nehr einig´werden. Aber wie schon geschrieben: Es ist ihr gutes Recht, diesen Versuch als gescheitert anzusehen. Aber unwidersprochen lassen möchte ich Ihre Aussagen nicht.

Mit freundlichen Grüßen aus der chrismon-Redaktion

Nils Husmann