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Mich hat der Aufmacher der aktuellen Chrismon (Juni 2019) geärgert. „Es war ein Algerier“: nicht „er“ sondern „es“, sächlich. „Es“ = der Mörder zweier Menschen – und dann unmittelbar folgend das vermeintlich wichtigste dabei: die Nationalität. Eine Mutter klagt an – na dann!

Diese Art der plakativen Zuspitzung ist tatsächlich eine „Schlag“zeile, die Aufmerksamkeit erzeugt – aber um welchen Preis?! Für eine christliche Zeitschrift finde ich das empörend - und abstoßend.

Eigentlich ist nicht klar, was der Artikel bezweckt. Soll hier Verständnis für eine Trauernde erzeugt werden, die um Deutungen ringt, die das Schreckliche fassbarer machen? Dann sollte der Artikel ernsthaft und empathisch die Geschichte der Mutter und ihrer ermordeten Tochter erkunden. Ihre Beziehung bleibt aber seltsam blass, in dieser Art von knackigem Journalismus („….sagte Anne am Telefon „ich bin schwanger“. Marianne H. schenkte sich einen Cognac ein.“). Und in welcher Not hat sich die später Ermordete während der Ehe mit dem späteren Täter befunden? Gab es Hilfe? Warum hat sie versagt? Das bleibt im Dunkeln. Es wird deutlich, dass der Mörder lange vor den beiden Morden ein gewaltbereiter Mensch war. In diesem Zusammenhang werden Statistiken zitiert, aus denen hervorgeht, dass gefährliche Körperlichverletzung in Partnerschaftsbeziehungen quer durch alle Gesellschaftsschichten geht. Aber dann erhält wieder Marianne H., die Hinterbliebene, das Wort und weiß es offenbar besser: „dieses Scharia-Geticke macht Männer gefährlicher“. Ich glaube nicht, dass ihr als Trauernde geholfen ist, wenn chrismon ihr eine Bühne für derartige Äußerungen gibt. Wenn es Nils Husmann tatsächlich wichtig ist, ihre Geschichte nicht „Vereinfachern zu überlassen“ – dann reicht diese Art der gegenüberstellenden Schreibe nicht. Die Positionen von Marianne H. werden nicht eingeordnet. Dadurch entsteht eher ein Duktus „Fachmeinungen sind ja schön und gut – aber Fakt ist doch, dass ein nicht-Deutscher aufgrund seiner Herkunft einen Mord begangen hat.“

Mit seinem reißerischen Titelblatt und dem textlichen Aufbau, der die dargestellten Fachmeinungen jeweils von Marianne H. „kommentieren“ lässt, befeuert der Artikel „aufgeheizte“ Meinungen.

Dies passt leider durchaus in ein gesellschaftliches Diskussions- und Wahrnehmungsgefüge, welches mehr und mehr von einer Zuspitzung von Gegensätzen geprägt ist: „wir“ vs „die anderen“, oder auch „christliches Verhalten“ vs „muslimisches Verhalten“ (Zitat „Scharia-Geticke“). Ein Teil der hier zu lesenden Kommentare bezeugen das auf für mich abstoßende Weise. Nationalität gilt wieder was. Und sie bestimmt offenbar sogar Verhaltensdispositionen. Tja, das deutsche Wesen – da kommt es wieder aus der Versenkung - oder war nie weg? Mich schockt das. Der Jesus, an den ich glaube, hat so nicht gehandelt. ER hat Menschen als Menschen erkannt, jenseits von Herkunft und gesellschaftlicher oder Stammeszugehörigkeit. Und genau diese Haltung erwarte ich auch in einer Zeitschrift wiederzufinden, die von der EKD kommt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch der Artikel auf der letzten Seite „Verletzte Hunde bringe ich nach Israel“. Auch hier wieder ein knalliger Aufmacher über dem Portrait einer Tierschützerin in Palästina. Zu hinterfragen wäre hier der letzte Absatz mit seiner Take Home Message, dass Tierliebe nämlich christlich motiviert sei. Moralisch also Eins-zu-Null für die Christen? Auch hier möchte ich fragen, ob es denn wirklich religiöse Gründe sind, die leidende Katzen und Hunde zu Sympathieträgern machen? Wenn das so wäre: warum werden dann Masttiere wie Schweine und Hühner, die doch auch Teil der Schöpfung sind, in unserem „christlichen Abendland“ nicht würdig behandelt?

Es ist schlecht, aus jedem Thema einen religiösen Gegensatz zu konstruieren!
Ich erwarte von chrismon:
- dass es gegen derartige Polarisierungen Position bezieht,
- dass chrismon sich explizit distanziert (und damit auch von der Meinung von Marianne H), wenn Straftaten als direkte Folge einer bestimmten Religionszugehörigkeit dargestellt werden,
- dass klar zwischen Religion, gesellschaftlichen Praktiken und individuellem Fehlverhalten unterschieden wird.

Da reicht es nicht, wenn in dem einen Kasten (S. 39) steht „Im Koran finden sich keine Begründungen für einen Ehrenmord“ und im anderen „Wer aus einer anderen Kultur kommt, ändert seine Werte nicht so sehr“ (S. 37, diesmal keine Wissenschaftlerin sondern die selbsternannte Expertin Marianne H.). Wo steht aber der entscheidende Satz, dass weder der Koran noch das „Wertesystem einer anderen Kultur“ (der algerischen? wie eindimensional soll die denn sein?!?) in kausalem Zusammenhang mit dem Doppelmord stehen, den Nasr-Eddine B. begangen hat. Denn sowohl im Islam als auch nach algerischem „Wertesystem“ ist er ein Mörder.

Was soll das also alles? Hätte sich Herr Husmann nur besser vorbereitet, auf was er sich da eingelassen hat. Und von chrismon bin ich sehr enttäuscht, weil das friedensstiftende Potential, welches Religionen anbieten, an keiner Stelle thematisiert wird, sondern stattdessen Gegensätze zugespitzt werden, die niemandem zum Besten dienen. Auf diese Weise wird schwerlich Frieden entstehen, weder für ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, noch für Frau H. in ihrer Suche nach Orientierung in Leid und Schuld.