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Mit großem Interesse habe ich den Artikel „Eine Mutter klagt an“ in Chrismon 06/2019 gelesen. Aus meiner Sicht macht es sich Marianne H. sehr einfach damit, die Begründung für den Mord an ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn der Nationalität, der Kultur und der Religionszugehörigkeit des Täters zuzuschreiben. Genauso einfach könnte man nun über Frau H. urteilen: Da ihre Eltern meiner Berechnung nach im deutschen Nationalsozialismus sozialisiert worden sind und folglich auch nur dieses Gedankengut an Marianne H. weitergeben konnten, sollte mich Frau H.s Haltung nicht wundern. So einfach ist es aber nicht. Beim Lesen habe ich mich gefragt, warum Frau H. nicht schon nach der ersten oder zweiten SMS, die sie vom Partner ihrer Tochter erhalten hatte, zur Polizei gegangen ist oder zu ihrer Tochter gefahren ist, um persönlich nach ihr zu sehen. Diese Nachrichten deuteten doch auf abgehörte Telefonate zwischen ihrer Tochter und ihr hin und enthielten eindeutige Gewaltandrohungen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Frau H. ihr Gewissen plagt, weil sie selbst nicht tätig geworden ist, um ihrer Tochter zu helfen, sich aus ihrer Beziehung zu befreien. Gegen die Schuldgefühle scheinen dann leider sehr vereinfachte, pauschale Schuldzuweisungen an Abstraktes wie eine ganze Kultur oder eine Weltreligion am besten zu helfen. Ich hoffe sehr, dass dies nur ein Schritt in der Bewältigung des enormen Verlustes ist, den Frau H. erlitten hat und wünsche ihr von Herzen, dass der Trauerprozess sie nicht zu einer verbitterten, engstirnigen und vorurteilsbehafteten Frau werden lässt, als die sie in diesem Artikel bedauerlicherweise rüberkommt.

Richtig zynisch finde ich hingegen die Aussage des Juristen und Islamwissenschaftlers Mathias Rohde: „Bei uns sind alle Frauen gleichberechtigt.“ Das sollte laut Verfassung so sein, aber leider ist die Realität in Deutschland anders. Das erlebe ich tagtäglich. Im Tenor des Artikels kann man sich nun fragen, ob dies an der deutschen Kultur oder den in Deutschland vorherrschenden christlichen Religionen und deren Frauenbild liegt. Zielführender als so eine Ursachenforschung finde ich es aber, die noch vorherrschende Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft so schnell wie möglich aktiv zu beheben.