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Mit großem Interesse und mit noch größerer Betroffenheit habe ich Ihren Beitrag gelesen.
Und ich nehme an, dass dies sehr vielen Menschen so gegangen ist. Schon deswegen
war es notwendig, die Geschichte der Marianne H. in dieser behutsamen Ausführlichkeit
zu erzählen. Aber warum relativieren Sie diese Notwendigkeit zum Schluß wieder mit der
Bemerkung, um "sie nicht den Vereinfachern zu überlassen"?
Ich habe im Verlaufe meines langen Lebens fast alle muslimischen Länder bereist und dort
Christen der verschiedensten Glaubensrichtungen getroffen, aramäische, assyrische, chal-
däische, armenische und koptische Christen. Alle konnten sie auf Traditionen zurückblicken,
die teilweise doppelt so alt waren wie diejenigen der europäischen Christen. Und wissen Sie,
was für mich das Erstaunliche war? Ich konnte in den Unterhaltungen über Glaubensfragen
sofort erkennen, dass eine gemeinsame Wellenlänge da war. Anders ausgedrückt, die Bot-
schaft, die uns verband, war mit den Händen zu greifen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Versuchte ich auf der anderen Seite aber eine Unterhaltung mit Muslimen über das gegebe-
nenfalls Verbindende, etwa über die Propheten des Alten Testaments, die Zehn Gebote und
Gott selbst, so erhielt ich regelmäßig, manchmal ziemlich harsch, Hinweise auf das Trennen-
de. Grundton: Gib dir keine Mühe, ihr seid und bleibt für uns die Ungläubigen!
Weder bin ich ein Vereinfacher, noch bin ich ein "Rechter", aber ich nehme für mich als Christ
das Recht in Anspruch, im Wettbewerb um das, was mich im tiefsten Inneren bewegt, meinem
Christengott und der Lehre Jesu Christi gegenüber Allah und der Lehre Mohammeds den Vor-
zug zu geben. Da mag Christine Schirrmacher noch sehr darauf hinweisen, dass sich im Koran
keine Begründungen für den Ehrenmord finden, die muslimische Umma und ihre Geistlichkeit
hat ihn über fast 1.400 Jahre hinweg nicht nur zugelassen, sondern es als Herrschaftsmittel
bis in die heutige Zeit hinein missbraucht. Gewiss, auch Christen haben im Verlaufe ihrer Ge-
schichte schreckliche Dinge getan. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen! Dem
Islam ist aber bisher leider - im Gegensatz zum Christentum - eine Loslösung von der archa-
ischen Grundausrichtung des Glaubens nach der Vorgabe Mohammeds aus dem 7. Jahrhun-
dert nach Christus nicht gelungen. Und so lange das nicht geschehen ist, wird es immer wie-
der arme Teufel wie Nasr-Eddine B. geben, denen ein archaisches Glaubensgefängnis schein-
bar gebietet, seinen Mitmenschen Leid bis hin zum Tod anzutun. In der irrigen Annahme, es
rette seine Ehre oder sei Allah wohlgefällig. Wobei ich mich natürlich nicht als Richter über ihn
aufspielen will. Was sich tatsächlich in seinem Kopf abgespielt hat, das weiß nur Gott!