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Sehr geehrter Herr Husmann,

Vielen Dank für diesen Artikel, den ich sehr differenziert fand und eine - wenn auch nicht angenehme - wichtige Anregung zum Weiterdenken. Aber ich war auch sofort elektrisiert bereits beim Titelfoto: Denn erst kürzlich habe ich genau diese Geschichte von Frau H. in einem Fernsehbeitrag (aus der mediathek) gesehen. Der Film beschäftigte sich mit der Frage nach Gerechtigkeit und Rache. Ausgehend von der Beobachtung einer wachsenden Tendenz von Angehörigen, unbeteiligten Bürgern und Kommentatoren, aber auch z.B. Jura-Studierenden, selbst für banalere Straftaten immer härtere Strafen zu fordern. Wenn ich es richtig erinnere, wurde dabei auch die Frage gestellt, inwieweit dieser Ruf nach härteren Strafen dem Rachebedürfnis vieler Menschen entspringt. (Es tut mir leid, ich weiß den Titel nicht mehr und auch nicht mehr den Sender).

Als Beispiel wurde Frau H. gezeigt und die entsetzliche Geschichte von Tochter und Enkelkind. (Ziemlich deplatziert, aber das ist ein anderes Thema, fand ich ein mehrfach gezeigtes Video, das ein Nachbar von der Mordszene mit dem Handy aufgenommen hatte. Ich fand diese Bilder unerträglich und finde es nach wie vor unverantwortlich, sie im Fernsehen zu zeigen, und eine völlig falsche Zumutung an die Zuschauer, diese Bilder eins zu eins zu sehen und die Schreie der zu Hilfe Eilenden zu hören. Aus Respekt vor den Getöteten habe ich versucht, wegzuschauen und war kurz davor, den ganzen Film abzubrechen.)

Frau H. wurde u.a. dabei gefilmt, wie sie zu den Gerichtsverhandlungen gefahren ist und sie wurde auch befragt, was die Verurteilung in ihr auslöst. Für meinen Begriff waren ihre Reaktionen nachvollziehbar, auch differenziert in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung.
Ihr Schmerz und Ihre Verzweiflung, auch die Erschöpfung war deutlich. Ich habe (selbst Mutter und Oma) Respekt und Mitgefühl vor einem solchen Lebensschicksal einer Mutter und Oma. Und habe mich schon auch gefragt, wie man eine solche Katastrophe bewältigen kann. Dass Frau H. schwer traumatisiert ist, ist ersichtlich.

In Ihrem Artikel und auch im Podcast kommt deutlich zum Ausdruck, dass Frau H. um eine Position ringt. Beim Lesen Ihres Artikels habe ich mich - den Film erinnernd - allerdings vom ersten Satz an gewundert über die Härte mancher Aussagen von Frau H., über den sehr düstern Gesichtsausdruck auf den Fotos und auch über die Zuspitzung mancher Aussagen im Artikel. Mein spontaner Eindruck: Da hat sich aber etwas verändert in dieser Frau seit dem Film. Verändert in Richtung Bitterkeit, Härte, Wut.
Mit keinem Wort möchte ich Frau H. beurteilen. Ich möchte nur beschreiben, was ich meine, wahrgenommen zu haben. Und wie möglicherweise in der schweren Trauerarbeit auch Phasen der Verhärtung, der pauschalen Schuldzuweisung und der Wut entstehen. Nichts davon müssen endgültige Positionen sein. Vielleicht ist es eine Durchgangsphase, in der Frau H. jetzt so empfindet und dabei auch durchaus für Außenstehende schwer zu ertragende Aussagen macht.
Denn es geht ja nicht nur um mehr oder weniger subjektive Aussagen über einen extrem schwierigen Menschen wie ihren Schwiegersohn, die Problematik von patriarchalen Frauenbildern vieler Männer mit und ohne Migrationshintergrund. Sondern als Subtext läuft ja auch in einem solchen Artikel die Mühe der Trauerbewältigung eines traumatisierten Menschen mit. Und ein Mensch in einer so schweren Trauer denkt und fühlt in der Regel selten ausgeglichen, sondern durchaus extrem, hin und hergerissen. Das kann auch zu radikaleren Aussagen führen. Es kann sein, dass das so bleibt oder sich sogar weiter verbreitert. Aber es kann auch sein, dass irgendwann mehr Heilung und Versöhnung mit dem Lebensschicksal geschieht und der Blick sich ändert oder zumindest weitet. Frau H. hat sicher noch einen langen und mühsamen Weg vor sich. Dafür kann man ihr nur viel Kraft und Hilfe wünschen.

Und wir Leser und Leserinnen müssen uns unsere eigenen Gedanken über die Fragen von patriarchalen und archaischen Frauenbildern und Gewalt machen.
Vielen Dank für Anregungen und Informationen.

Mit freundlichen Grüßen,
Martina Patenge