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Es ging Walter Gropius weder um Technik noch Funktion. Das alles begründende Manifest von 1919 stellte alleine die "bildnerische Tätigkeit" von Architekten, Künstlern und Handwerkern an den Anfang der neuen Richtung. Nicht Technik, sondern "eine neue Zunft der Handwerker" sollte aus dieser Tätigkeit heraus den Bau erschaffen.
Gropius wurde sogar schwärmerisch religiös, wenn er vom "neuen Bau der Zukunft" schrieb, der "aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallines Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens."
Steigen wir lieber wieder auf die Erde herab mit dem Bauen. Denn alles, was Gropius vor genau 100 Jahren wollte und forderte, wird heutzutage von den am Bau Beteiligten ignoriert, der "Glaube"
reduziert auf rationelle und profitable Baufertigungsprozesse, an dem viele nicht berufene und befähigte Akteure teilnehmen. Und so sehen die Werke der heutigen Architekten dann auch aus, ohne Kunst und ohne alle "bildnerische Tätigkeit", auch nicht mehr den Prozess des Entwerfens und Zeichnens des zu Bauenden betreffend. Es steht ihnen daher auch nicht mehr zu, sich auf das Bauhaus zu berufen.
"Form follows function" war im übrigen kein Bauhaus-Terminus, sondern wurde erstmals 1852 von dem amerikanischen Bildhauer Horatio Greenough genannt. Erst der amerikanische Architekt Louis Sullivan griff den Terminus in einem Aufsatz von 1896 wieder auf. Seine Bauten sind berühmt wegen der üppigen Ornamentierung der Fassaden. Die Form des Ornaments folgte für Sullivan der Funktion der Ästhetik, nichts anderes war gemeint. Auch Gropius wollte keine Ornamentlosigkeit, wenn er im Bauhaus-Manifest von der "vornehmsten Aufgabe der bildenden Künste" schrieb, " den Bau zu schmücken." Die "Idee Bauhaus" war eine vollständig andere, als gegenwärtig interpretierte. Leider doch vergessen in der heutigen, offenen Gesellschaft ohne jene Kreativität und innovativen Geist von vor 100 Jahren.