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Sehr geehrter Herr Brummer,
für einen nach dem Libanon-Krieg aus moralischer Überzeugung zum Atheisten gewordenen Protestanten blättere ich erstaunlich oft in Ihrem "evangelischen" Magazin, denn es ist angenehm ideologiefrei. Besonders häufig lese ich Ihre Beiträge, meist mit Genuss. (Auch Ihr Interview in der SWR 2 - Matinee vom 24. März über die Fastenzeit hat mich wegen der abstrakten Klarheit beeindruckt.) Nun überraschen mich als Bauhistoriker Ihre Gedanken zum Bauhaus-Jubiläum. Natürlich sind die Fakten überwiegend bekannt und die Gefahr, Eulen nach Athen zu tragen, nicht klein. Indessen gelingt es Ihnen, das weithin Bekannte durch scharfsinnige Verknüpfungen mit psychologisch-pädagogischen, macht- und sozialpolitischen Faktoren, sowie solchen aus der Lebenspraxis selbst übersättigten "Fachidioten" interessant zu machen. Die einem längeren Text Henry Sullivans von 1896 entnommene Formel "form follows function" wurde, wie Sie natürlich wissen, mehr oder weniger von der gesamten Moderne (holländischem de Stijl, russischem Konstruktivismus, schweizerisch-französischem Rationalismus und dem italienischen der Gruppo Sette sowie dem deutschen Funktionalismus) übernommen. Besonders überzeugte Verteidiger einer unehrlichen Tradition kamen bemerkenswerterweise aus der Stadt, wo die Werkbund-Moderne 1927 ihre Triumphe gefeiert hatte; ihrer "Stuttgarter Schule" war die überkommene Hierarchie in der Tat wichtiger als die Bedürfnisse der Nutzer ihrer Häuser.