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Liebe H.D.,
Liebe weitere Leser,

Ich bin in Westdeutschland geboren und missbraucht worden. Es war kein staatliches System, das weggeschaut hat, sondern ein ganz kleines System. Die Familie. Nicht nur in meinem Fall. Auch in der Familie meines Mannes. Mein zweiter Mann wurde von seiner Mutter sexuell missbraucht.

Heute glauben immer noch die Menschen, die nichts von der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs an Kindern wissen, dass es fremde Täter sind. Zu 80% sind es Täter aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Wenn ich den Fall in Lügde verfolge, frage ich mich, ist es Naivität oder Bequemlichkeit, die Eltern ihre Kinder bei einem alleinstehenden Mann übernachten lassen, bzw. sie alleine mit ihm über's Wochenende an einen See, mehrere hundert Kilometer entfernt reisen lassen?

Wir können nicht erahnen, wie viele Kinder die Lösung des Freitods, wie gestern über die 17jährige Niederländerin Noa zu lesen war, in den letzten achtzig Jahren gewählt haben. Beispiele von vermissten, missbrauchten Kindern liegen mir genug vor. Nicht alle landen auf der Straße und werden von der Stiftung "Offroad-Kids" aufgefangen.

Wenn Sie sich ebenfalls für die Rechte der missbrauchten und misshandelten Kinder einsetzen möchten, würde ich mich über eine Nachricht von Ihnen freuen. Denn: gemeinsam sind wir stärker als allein. Und je mehr wir sind, um so hörbarer wird unsere Stimme. Momentan bin ich zwar mit vielen Verantwortlichen im Kontakt, bekomme aber von denen, die zu bequem sind, sich mit diesem Thema weiterhin auseinanderzusetzen, einen Stuhl vor die Tür gestellt. Selbst der Bundesgesundheitsminister verschließt seine Augen vor meiner E-Mail, in der ich ihm aufgelistet habe, dass meine Krankenkasse meine Klinikaufenthalte, Psychotherapien, Medikamente, Berufsausfallzeiten und vorzeitige Rente wegen Behinderung mehr als 80.000 € gekostet haben. Warum diese Kosten? Weil ich mit 57 Jahren zusammengebrochen bin und danach nicht mehr belastbar war. Und ich bin nur eine von unzähligen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Burnout und erlebtem sexuellen Missbrauch? Ja, den gibt es, überall in der Fachliteratur nachlesbar.

Sie wollen mehr über dieses Thema und die Verbreitung wissen: Ich empfehle Ihnen das Buch "Zart war ich - bitter war's" von Ursula Enders, der Mitbegründerin von Zartbitter Köln.