Neue Lesermeinung schreiben

Sehr geehrte (r) I.D., ich möchte mich gern zu Ihren Überlegungen hinsichtlich der Staatssicherheit äußern. Das kann ich allerdings nur aus meinem eigenen kleinen Erfahrungsbereich heraus und aus meinem persönlichen Blickwinkel tun. Ich war als Kind auch über Jahre hinweg organisiertem sexuellen Missbrauch ausgesetzt wie Anne* und Pia* auch in der DDR. Da die Taten nicht nur in privaten, sondern auch öffentlichen Räumen (soziale Einrichtungen/ Institutionen) in denen nicht nur von einer allgemeinen sozialen Kontrolle auszugehen war, sondern unbedingt auch davon, dass dort die Staatssicherheit mindestens eine überwachende Person "positioniert" hatte, habe ich versucht an Informationen zu kommen. Da meine Erinnerungen nur bruchstückhaft sind, erhoffte ich mir durch eine eventuell vorhandene Stasi- Akte Aufschluss über Geschehenes und Informationen über beteiligte Personen zu bekommen. Über mich selbst wurde keine Akte gefunden, auch nicht über ein involviertes inzwischen verstorbenes Familienmitglied in dessen Akte (falls vorhanden) ich mit entsprechender Begründung Akteneinsicht beantragen konnte. So etwas ist also möglich. Ich weiß, dass einer der Täter regelmäßig von der Staatssicherheit in einer damals der Geheimhaltung obliegenden Tätigkeit in Anspruch genommen wurde, er selbst war meines Wissens nicht bei der Stasi. Ich kann an dieser Stelle nur die Informationen weitergeben, die ich im Zuge meiner persönlichen Geschichte in Erfahrung gebracht habe. Die Informationen die ich in Bezug auf die Mitwisserschaft der Staatssicherheit hinsichtlich dieser Verbrechen habe, ist die, dass die Stasi den Missbrauch an Kindern auf jeden Fall wahrgenommen / registriert hat. In Unterlagen sollen sich dazu aber sehr wenig konkrete Hinweise auf entsprechende Taten finden. Es scheint in der DDR gar keine Sprache für dieses Thema gegeben zu haben. Es war nicht im Interesse der sozialistischen Staatssystems den Missbrauch an Kindern zu thematisieren, das hätte nur das System geschwächt. Das Ergebnis lässt sich als "kollektives Wegschauen", als Versagen eines ganzen Systems bezeichnen. Das Wissen der Stasi über Fälle von Kindesmissbrauch soll dazu genutzt worden sein, Täter und andere Beteiligte massiv unter Druck zu setzen und für eigene Zwecke, wie z. B. Nötigung zur Arbeit als IM oder allg. Spitzeltätigkeiten zu manipulieren. Ich kann keine Aussage dazu machen, inwieweit die Stasi selbst aktiv am Missbrauch von Kindern beteiligt war, für mich ist das auf jeden Fall denkbar. Für mich als Betroffene ist kaum auszuhalten, dass der sexuelle Missbrauch an Kindern in der DDR tabuisiert wurde und ich jetzt erlebe, dass man nicht glaubt, wofür es früher keine Sprache, keine offenen Ohren, keine offenen Augen gab. Das Gefühl von Einsamkeit setzt sich also fort.... H.D.