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Sehr geehrte Frau Holch,

bitte lesen Sie meine Ausführungen doch noch einmal. Ich habe an jeweils einer Aussage von Pia und Anne versucht zu zeigen, wie sehr diese beide Frauen bis heute unter ihrer Traumatisierung leiden. Ich habe Zweifel geäußert, ob sie (die beide Protagonisten) damit anderen Traumatisierten eine „tragfähige Ermutigung“ geben können. Dass Opfer generell anderen Opfern Mut machen können, habe ich nirgends bestritten. Sie, Frau Holch, sehen in meinen Ausführungen sogar eine Respektlosigkeit gegenüber den beiden Frauen, die ich nicht einmal selbst bemerke! („Sie mögen es gut meinen“ schreiben sie an mich gerichtet).
Ich habe den Artikel mehrfach gelesen. Die beiden Traumatisierten können dort ihr körperliches und seelisches Martyrium öffentlich ausbreiten, und nur im letzten Abschnitt findet sich eine Ermutigung in Form einer positiven Selbstdarstellung und in einer „Kurzansprach an andere Betroffene: Liebe kleine Schwester...“ Das „Ermutigungs-Motiv“ der beiden Frauen und von Ihnen/Ihrer Redaktion zweifle ich nicht an. Aber es nimmt den kleinsten Raum Ihres Beitrages ein, das lässt sich nicht übersehen.
Ich habe nirgends gefordert, dass Menschen, die vom Leben gezeichnet sind, nur nach „abnicken“ von Psychotherapeuten sprechen dürfen. Die beiden Opfer, so schwer sie auch missbraucht wurden, haben eine Intimsphäre. Jeder hat ein Recht darauf, dass diese respektiert wird. In Ihrem Beitrag beschreiben Sie nach meinem Verständnis nicht „klassisch journalistisch die Wirklichkeit“, sondern Sie lassen „die Opfer sprechen“. Dieses Vorgehen dient der Erzeugung von Teilhabe an dem Geschehen, so als wären die Leser Teilnehmer einer Therapiesitzung. Die beiden Frauen fühlten Vertrauen zu ihnen, und waren nur unter großen Mühen und nur in Begleitung ihrer beiden Freunde/Partner in der Lage sich zu öffnen. Und sie haben bis heute noch nicht einmal eine befriedigende therapeutische Begleitung erlebt. Und jetzt sprechen Sie in wörtlicher Rede zu Millionen von fremden Lesern! Woher sollen die beiden Frauen denn sehr genau gewusst haben, was sie da tun?
Ja, sie sprechen sogar zu Tätern. Pia spricht Leser, die Täter sein könnten, persönlich an (Personalpronomen groß geschrieben!) und gibt ihnen einen Rat: „Wenn Sie wirklich sicher sein wollen, dass Ihnen als Täter nichts passiert, foltern Sie Ihre Opfer so stark, dass es ihr Erinnerungsvermögen zerreißt“ (S. 22 oben). Das steht da, unkommentiert, ohne Nachfrage, z.B. ob das wohl zynisch gemeint sei. Als Leser kann ich das natürlich so interpretieren. Sicher darf ich mir aber nicht sein. Denn ein paar Sätze weiter unten sagt die „Opferanwältin Willger“: „Die Betroffenen sind so schwer geschädigt, dass sie durch jedes Glaubhaftigkeitsgutachten rasseln“.
Frau Holch, es geht mir in diesem Zusammenhang nicht darum ob schwerst traumatisierte Menschen „irgendwem nicht ganz zurechnungsfähig vorkommen“, wie Sie mir zuspekuliert haben, sondern um den sehnlichsten Wunsch der beiden Frauen, und aller anderen Opfer, dass sie von der Gesellschaft ernstgenommen werden möchten. Dazu braucht es auch Berichte und Reportagen. Diese muss der Leser aber verstehen können, wenn er sich etwas „Unfassbarem“ zuwenden soll. Das kann man nicht erzwingen! Ihr Beitrag lässt viele Leser schockiert und in vielen Punkten irritiert zurück.

Dass traumatisierte Menschen für die Position der Leser nicht viel Verständnis haben, kann man ihnen nachsehen (siehe auch ihr aktuelles Zitat einer Traumatisierten auf der Homepage von Chrismon, die kritische Leser zu „Täterschützern“ erklärt, und unterstellt, sie wollen die Opfer zum Schweigen bringen). Es wäre Aufgabe der Journalisten und Redakteure, hier die nötige Vermittlung zu leisten. Das scheinen Sie anders zu sehen.
Die Stimme der Opfer ist wichtig. Aber ohne aufmerksame und zugewandte Zuhörer nützt selbst die lauteste Stimme, und wahrste Wahrheit nichts. Womit wir beim Thema wären.

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Pilz