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Zunächst ein Dankeschön an Maren Rensch für die sinnvolle Idee, die beiden Frauen, insbesondere Anne, finanziell zu unterstützen. Denn so jung berentet zu sein bedeutet nicht, sich die Therapien, die einem gut täten und für die die Krankenkasse "in diesem Quartal leider nicht mehr aufkommt!", selbst zahlen zu können. Das bedeutet, die Schmerzen auszuhalten. Opferentschädigung? Ein nobles Wort ...

Ich bin eine, die "nur" vom Opa und Onkel sexuell missbraucht wurde. Und sie waren keine Sadisten. Jedoch: 80% der Täter sind im Familienkreis des Opfers zu finden und das erschwert die Entdeckung des Missbrauchs. Und diese Täter werden von anderen Familienmitgliedern gedeckt. Das war nicht nur in meiner Ursprungsfamilie eine Zeit lang so, sondern auch in der meiner angeheirateten Familie, in deren Verwandtschaft es auch einen Täter gab. Man informierte uns hinter vorgehaltener Hand über die Vergewaltigung seiner fünfjährigen Nichte vor über zwanzig Jahren.

Ich war, wie Prof. Fegert, Kinder- und Jugendpsychiater von der Uni Ulm, sagt, ein "robustes Kind". Und ich habe Karriere gemacht. Mit 57 Jahren bin ich dann psychisch und physisch zusammengebrochen. Es kamen ein halbes Jahr vorher Warnungen von meinem Herzen und zwei Monate vorher eine schwere Allergie als "Erinnerungstrigger aus dem Unterbewusstsein". Nach dem Zusammenbruch lief mein Lebenskrug über: durch die Turbulenzen wälzte sich der Unrat vom Boden des Krugs hoch und die schwarz-braune, zähflüssige Masse lief über den Rand des Kruges in die Sichtbarkeit. Aus einzelnen Erinnerungen wurden zusammenhängende Bilder und die Allergie verschwand. Nur der Herzschrittmacher blieb. Ich habe über fünf Jahre gebraucht, meinen Weg aus diesem Tal der Depressionen und Untätigkeit zu finden. Und ich habe es geschafft.

Die Folge: ich will, dass die Gesellschaft mehr erfährt über den Missbrauch. Z.B. Wie und wann verändern sich Kinder in ihrem Verhalten, die missbraucht werden? Und ich will, dass die Behörden mehr Informationen bekommen. Deshalb habe ich NRWs Innenminister Reul angeschrieben, dass, will er die Täter sichtbar machen, er die OPFER anhören muss. Ich habe bereits eine Antwort erhalten. Er hat unter dem enormen Druck (Missbrauch Campingplatz Lügde, fehlende Reaktion auf Missbrauchshinweise bei Jugendamt und Polizei) eine neue Stabsstelle eingerichtet und sobald diese ihre Arbeit aufgenommen hat, kommen sie auf mich zu.
Um dieser Anforderung gerecht zu werden, habe ich Kontakt zur Uni Ulm aufgenommen. Auch dort traf ich auf offene Ohren bei Professor Jud: Er sandte mir sofort die Folien zweier Vorträge zur Verwendung, um meine Aussagen wissenschaftlich zu untermauern.

Leider reagierten weder unser UNABHÄNGIGER BUNDESBEAUFTRAGTER FÜR FRAGEN ZU SEXUELLEM KINDESMISSBRAUCH, was ich besonders peinlich finde da es doch seine Tätigkeit betrifft, noch unsere Familienministerin. Schade.

Meinen schweren Burnout und die PTBS habe ich als Tagebuch unter dem Pseudonym "Susann Escribo" veröffentlicht. Der sexuelle Missbrauch ist erwähnt, steht jedoch nicht im Mittelpunkt sondern die daraus resultierenden Symptome und die schwer wiegenden Folgen. Und mein unglaubliches Glück, das ich immer hatte. Ich bin sehr dankbar dafür und wünsche mir für Anne, Pia und Lea, dass sie auch immer ihre Helfer finden. Von meiner Marge von 3,83 € gehen 3 € pro verkauftem Buch an die Stiftung Offroad-Kids. Weil Kinder, die keine Lösung wissen, weglaufen. Die Stiftung Offroadkids baut mit viel Geduld Vertrauen zu ihnen auf, zeigt ihnen Zukunftsperspektiven und geht mit ihnen diesen neuen Weg.

Und ich bin nicht allein. Karin Steinherr hat den "Verein gegen Missbrauch e.V." gegründet. Sie hat ein Theaterstück über ihren erlebten Missbrauch durch ihren Stiefvater und dessen Freund, dem sie sich in ihrer Not anvertraute, geschrieben, dass an Schulen aufgeführt wird. Und es gibt eine weitere Missbrauchte, die ihr Kasperltheater an Kitas aufführt.
WIR geben den missbrauchten Kindern ein Gesicht. Ich wünsche mir, dass dies viele Frauen und Männer lesen, die auch "unsere missbrauchten Schwestern und Brüder" sind und die den Mut haben, mit uns aktiv zu werden für die Sichtbarkeit des Missbrauchs. Je mehr wir sind, um so besser werden wir gesehen. Und um so mehr Aussagekraft haben unsere Worte.

Gerne eine E-Mail an susann.escribo@gmail.com