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Sehr geehrter Herr Pilz,

sie schreiben, Opfer könnten andere Opfer nicht wirklich ermutigen. Ich habe das schon oft ganz anders erlebt, etwa am Beispiel von Hoch-Querschnittgelähmten. Oder am Beispiel von Eltern, die ihr Kind verloren haben, und nun andere Eltern begleiten. Menschen, die Schlimmes erlebt haben, sind doch nicht nur Opfer! Es sind meist sehr einfühlsame, sehr erfahrene und überaus kluge Menschen, die sehr wohl vielen anderen Menschen eine Freude und eine Hilfe sein können.

Und heute schrieb uns eine Frau, der Ähnliches wie Pia und Anne widerfahren ist und der es derzeit nicht gut geht, welch Trost ihr Pia und Anne durch diesen Text geben (s.a. an anderer Stelle auf dieser Seite): " Danke, liebe Pia, liebe Anne, danke für Eure lieben Worte, sie sind so kostbar für mich und mir ein Halt: 'Liebe kleine Schwester, es wird besser. Ganz bestimmt. Du hast schon so viel geschafft, dass du am Leben bist. Gib nicht auf! Komm, du kriegst das hin.' Ich habe Eure Worte ausgeschnitten, sie in mein Büchlein geklebt, so habe ich immer etwas von Euch bei mir. Es fühlt sich ein wenig so an, als liefet Ihr neben mir, als wäret Ihr an meiner Seite…. "

Widersprechen möchte ich auch Ihrer Vermutung, ich, die Autorin, hätte die Gewalttaten deshalb so explizit beschrieben, um möglichst viel Mitgefühl zu erregen. Ehrlich gesagt war das nicht mein Motiv, nicht im entferntesten. Vielmehr wollte ich, klassisch journalistisch, die Wirklichkeit möglichst genau beschreiben. Aus der Beschäftigung mit den Gräueltaten während der Zeit des Nationalsozialismus weiß ich: Was man nicht genau weiß, kann man auch nicht aufarbeiten, auch nicht als Gesellschaft.

Herr Pilz, Sie mögen es gut meinen - aber ich finde Ihre Überlegungen doch auch respektlos gegenüber den beiden betroffenen Frauen. Wie wenn man die beiden vor einer Veröffentlichung hätte bewahren müssen, weil sie irgendwem nicht ganz zurechnungsfähig vorkommen. Ich versichere Ihnen: Pia und Anne wussten sehr genau, was sie tun. Und in chrismon dürfen auch und erst recht Menschen sprechen, die vom Leben gezeichnet/versehrt wurden, und sie dürfen sogar sprechen, ohne dass das von PsychotherapeutInnen vorher abgenickt worden wäre...

Herzliche Grüße
Christine Holch/ Redaktion chrismon