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"Haben Sie die geäußerte Berichtintention gelesen, das Lebensbejahende, die Ermutigung?" so schreiben Sie.
Neben der "Intention" steht da aber auch noch ganz Konkretes: "Anne: Ich fühle mich wie 96. Es tut alles ständig weh". "Pia: Die Panikattacken sind so heftig, dass Suizid, der einzige Ausweg erscheint"!!. STÄNDIG, sagt Anne. SIND, sagt Pia! "Suizid als Ausweg! Ein immer noch präsenter Gedanke? Das ist die Beschreibung, wie es ihnen jetzt geht.
Die Opfer wollen ermutigen, und Chrismon gibt ihnen dafür die Öffentlichkeit. Das ist eine sehr lobenswerte und mutige Intention von den Opfern, und zeigt ihr Mitgefühl mit anderen Opfern. Aber sie - die Opfer - können nicht wirklich ermutigen, auch wenn sie es wollen. Das zu erkennen ist Aufgabe der Ausenstehenden. Zu sehen, was ist. Hinzuschauen und zu erkennen, in welchem Ausmaß zwei Menschen körperlich und seelisch verletzt wurden, und was sie leisten können. Ihre Intention in Ehren, aber sie sind doch selbst noch lange nicht so stabil - und das kann auch ein Laie beim Lesen des Berichts erkennen - als dass sie anderen Opfern eine tragfähige Ermutigung geben könnten. Wir können hautnah lesen, wie zerbrechlich noch immer ihr Vertrauen in die Mitmenschen ist und wie schwankend ihr Mut für ihr eigenes Leben. Auch dass macht diesen Bericht so schwer erträglich, und muss zu der Frage führen, ob eine Veröffentlichung in dieser Form verantwortbar ist.

Daher warnt die Psychologin mit Recht vor dem Risiko einer Retraumatisierung von Menschen, die ähnliches erlebt haben.

Ihre Argumentation mit einer "anderen neurobiologischen Aufnahme" von bloß Gelesenem ist wenig hilfreich. Wären wir emotional nicht auch durch bloßes lesen erregbar, dann gäbe es keine Grusel- und Kriminalromane, Sonntags abends könnten die Menschen in die Kirche gehen, statt "Tatort" zu schauen, und nicht einmal Liebesgeschichten könnten uns ergreifen.
Und warum veröffentlich Chrismon das Matyrium der beide Frauen in derart expliziter Weise, zum Teil aus der Perspektive der 1. Person? Um die Leser maximal zu ergreifen. Um sie zu einem maximalen Mitfühlen anzuregen. Für diejenigen Leser, die ähnliches erlebt haben, ist das ein ganz "dicker Brocken". Ich kann mir nicht vorstellen, das Traumatherapeuten dieses Vorgehen unterstützen.