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An meine Schwestern Anne und Pia
Ich hoffe sehr, dass meine Zeilen Euch erreichen.
Danke für Euren unsagbar großen Mut Eure Geschichte zu erzählen, sie öffentlich zu machen. Ihr habt dadurch auch mir eine Stimme gegeben!! Vermutlich kann niemand erahnen, wie viel mir das bedeutet. Mehrfach habe ich den Versuch unternommen mich mitzuteilen, auszusprechen, was mir angetan wurde. Inzwischen schweige ich, weil ich Angst davor habe, wieder könnten meine Worte verhallen, aber auch, weil mir das Gefühl fehlt, ob mein Gegenüber bereit ist, mir zuzuhören und aushalten kann, was ich zu sagen habe.
Ich habe keine Worte, die annähernd beschreiben könnten, wie tief mich das Leid, das Ihr ertragen musstet, berührt. Ich habe viel geweint beim Lesen Eurer Geschichte, auch jetzt, Tage später kämpfe ich immer wieder mit meinen Tränen. Es fühlt sich an, als fühle ich einen Teil Eurer Schmerzen, Schwestern. Zugleich sind es auch meine eigenen…
Ich war auch organisiertem Missbrauch ausgeliefert, auch in der ehemaligen DDR, angefangen hat es als ich 4 Jahre alt war, unter Umständen auch schon etwas früher. Einen Teil der beschriebenen Szenarien habe ich so auch erlebt. Jetzt, wo ich von Eurem Martyrium gelesen habe, weiß ich, dass es auch mich noch schlimmer hätte treffen können. Erst seit wenigen Jahren drängen sich die Erinnerungen bruchstückhaft mit brutaler Gewalt ins Bewusstsein, sie waren mir vorher nicht zugänglich. Seit dem ersten Flashback und dem Auftreten komplexer dissoziativer Symptome ist nichts mehr wie früher, nichts mehr… die Symptomatik macht ein halbwegs normales Leben kaum möglich. Es gibt auch hier Parallelen zu Euren Beschreibungen. Trotz therapeutischer Unterstützung und einem Klinikaufenthalt habe ich es bislang nicht geschafft aus diesem Sumpf heraus, in eine Stabilität zu finden. Es geht mir sehr schlecht. Immer wieder verlassen mich Zuversicht und Lebensmut. Ich weiß nicht, ob und wie ein Leben- mein Leben- mit all dem gehen kann…
Danke, liebe Pia, liebe Anne, danke für Eure lieben Worte, sie sind so kostbar für mich und mir ein Halt: „Liebe kleine Schwester, es wird besser. Ganz bestimmt. Du hast schon so viel geschafft, dass du am Leben bist. Gib nicht auf! Komm, du kriegst das hin.“ Ich habe Eure Worte ausgeschnitten, sie in mein Büchlein geklebt, so habe ich immer etwas von Euch bei mir. Es fühlt sich ein wenig so an, als liefet Ihr neben mir, als wäret Ihr an meiner Seite…. Danke für Euren Mut. Für mich ist kostbar von Euch zu wissen.
Alles Liebe für Euch beide, für Euren weiteren Weg. Bleibt auch Ihr tapfer und gebt nicht auf, hört Ihr?
Ich schließe Euch beide, aber auch die Schwestern und Brüder, von denen wir nicht wissen, (das ist mir wichtig) in meine Fürbitte ein. In Gedanken umarme ich Euch... ganz fest.
In Verbundenheit
Eure Schwester