Neue Lesermeinung schreiben

Sehr geehrte Psychotherapeutin,

ich finde, unabhängig von der großzügigen Verwendung von Fachwörtern ihre geäußerte Lesermeinung irreführend und gefährlich. Es gibt keine belastbare wissenschaftliche Literatur, die die Behauptung dass das Lesen über Schicksale von Unbekannten, zu derartig dramatischen klinischen Folgen führt. Das wäre auch zutiefst erstaunlich, weil über reines Lesen aufgenommene Informationen anders neuronal verarbeitet werden, als Traumatisierungen oder der direkte Umgang mit Trauma-Betroffenen. Was Sie da mehrfach erlebt haben wollen, hat nicht mal einen medizinischen Begriff, denn von Tertiärtraumatisierungen kann nicht gesprochen werden, dazu fehlt der persönliche Kontakt mit Betroffenen.
Auch die Shoah wird bundesweit als fester Bestandteil des Lehrstoffes in Schulen besprochen, über gefolterte Frauen- und Kinder in Kriegsgebieten in der Tagespresse informiert etc., flächendeckende Traumatisierungen sind dabei nicht umfänglich beschrieben, wohl hingegen ein gelegentliches Aufmerken, emotionales Mitschwingen, manchmal der Wunsch zu helfen oder im eigenen Umfeld wachsam zu sein. Mag es sein, dass diese "vielen Patientinnen" ganz andere eigene Schwierigkeiten haben? Und die Verortung des Problems im ganz-Außen eine bequeme „Lösung“.
Über Gewalt berichten ist nicht falsch, oder, wie von Ihnen ja fast unterstellt, eine egoistische, die Umfeld belastende Strategie mit dem eigenen Leid umzugehen. Sondern das Weg-sehen, das Wir-wollen-gar-nichts-damit-zu-tun-haben, das Aber-wenn-das-einer-ließt-kann-den-das-ja-auch-belasten schadet unserer Gesellschaft und gefährdet die Kinder, die darin leben.
Ja, solche Informationen sollen unaufgefordert kommen, wie auch die Information über zunehmende Umweltzerstörung in erster Linie die Unaufmerksamen und nicht die bereits sensibilisierten aktiven Umweltschützer erreichen soll. Alleine der Fall in Lügde sollte Ihnen als Fachfrau nochmal zeigen, dass es hier nicht um ein paar extreme traurige Einzelschicksale geht, sondern um eine gesellschaftliche Realität. Die geht uns alle an.
"Warnhinweise" vor Veröffentlichungen werden von Fachkreisen und Betroffenen sehr unterschiedlich gewertet, meines Erachtens reicht die Überschrift als Warnhinweis völlig. Wenn Sie sich mit solchen Themen nicht auseinandersetzen möchten, brauchen Sie nicht weiter zu lesen. So weit, liebe Psychotherapeutin, geht die Eigenverantwortung in Zeiten des digitalen Wandels.

Warum finde ich Ihren Beitrag gefährlich? Weil er zum Schweigen auffordert! Aus Rücksicht auf eventuelle Folgen für Dritte, Vierte, Fünfte, für deren Gefährdung es keinen Belege gibt, erst recht nicht in dem von Ihnen beschriebenen Ausmaß, soll über Gewalt und ihre Auswüchse in unserer Gesellschaft nicht berichtet werden? Sie pathologisieren die berichtendenden Frauen und meinen, die Intentionen der beiden kennen und bekannt geben zu können. So Sie, wie ich annehme, keine der beiden Frauen persönlich kennen, sind ihre Behauptungen leider schlicht anmaßend. Haben Sie die geäußerte Berichtintention gelesen, das Lebensbejahende, die Ermutigung?
Man könnte aus Zeile 2 und 3 ihres Textes sogar ableiten, dass Sie die Frauen zu Täterinnen erklären, weil das von ihnen berichtete in diesem Artikel veröffentlicht wird. Aber das geht sicher auch Ihnen zu weit, nicht wahr?
Sie als Fachfrau, wieviel Patient*innen haben Sie denn gesehen, die von einem jahrelangen Martyrium berichten, das hätte viel früher enden können, wenn jemand das Leid vermutet hätte und die Courage aufgebracht hätte, dem Opfer zu helfen?

Der Artikel bietet Anstoß Hinzusehen und diese Courage zu entwickeln! Und den anderen Leserzuschriften ist zu entnehmen, dass das schon erfolgreich war.