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Ich glaube dass Ihr Beitrag das Problem - bewusst oder unbewusst - sehr anschaulich vor Augen führt: Solange es jeder Frau selbst überlassen ist, was für ein Kind sie bekommt und sie Eigenschaften des Kindes frei nach eigenem Ermessen (im Rahmen des Möglichen) festlegen kann, brauchen wir uns auch nicht zu wundern wenn sich anteilig viele werdende Eltern gegen Kinder mit Behinderung entscheiden. Daran dann Anstoß zu nehmen ist erstens befremdlich - das eine ist nur die logische Konsequenz des anderen! -, und ebenso ist es zumindest ambivalent, vordergründig Solidarität mit behinderten Menschen zu demonstrieren, diese zugleich jedoch in ihrem Dasein unter derartige Vorbehalte einschließlich bekannter Folgen zu stellen. Das aber ist eben kaum mehr vermittelbar.

Die Formulierung "Leben und Wohlbefinden der Mutter" zeigt einmal mehr auf, dass in der Diskussion keineswegs ein Konflikt von Grundrechten wahrgenommen wird, sondern vielmehr diffuse Konstrukte aus gesellschaftspolitischen Desideraten, Gefühlen und Antizipationen für diese bestimmend sind. Sicher verändert ein Kind, auch das nichtbehinderte, das Leben. Kann aber ein verändertes Leben gerechnet werden gegen eines das faktisch ausgelöscht wird? Lassen sich denn überhaupt Eigenschaften eines Menschen wie Behinderungen, Trisomien, als zumindest mögliches Ausschlusskriterium oder möglicherweise unvereinbar mit einem "selbstbestimmten und glücklichen Leben" anerkennen, ohne zu diskriminieren?

Erhebungen zeigen klar: Untersuchungen, die in der Regel faktisch meist darauf hinauslaufen, dass im Falle eines sich bestätigenden positiven Testergebnisses ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird, werden der Patientin ohne weitere Beratung als Routineuntersuchung angeboten. Dies bestätigt eine kürzlich in Frankreich durchgeführte Studie (Seror / Ville: Prenatal screening for Down syndrome: women's involvement in decision-making and their attitudes to screening. In: Prenatal Diagnosis 2009 29(2):120-8). Die Eigendynamik derartiger Prozesse ist unverkennbar, wobei keineswegs den behandelnden Pränataldiagnostikern die Verantwortung darüber zugeschoben werden kann. Die Nachfrage regelt das Angebot. Nicht anders herum.

Wenn Sie mit dem Begriff "Privatsache" implizieren wollen dass die Reproduktion grundsätzlich niemandes anderen Sache ist als der Frau selbst, da es sie in ihrem höchstpersönlichen Lebensbereich und damit auch ihrer Privatsphäre unmittelbar berührt, dann ist das erst einmal sicherlich richtig. Für eine Diskussion die den Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik zum Gegenstand hat ist dies allerdings als Argument untauglich. Privatsphäre endet, wo Grundrechte berührt werden. Für das Ungeborene geht es nicht nur a) um das Recht auf Leben an und für sich sondern b) um den Schutz vor Diskriminierung infolge bestehender Eigenschaften wie Geschlecht oder Behinderung. Eben genau die Vorstellung einer "rechtsfreien Privatsphäre" war es, die häusliche / sexuelle Gewalt (insbesondere gegen Frauen!) ermöglichte und lange Zeit schützte. Es kann keine Lösung sein, eine solche für sich selbst an anderer Stelle einzufordern.

Ein Kind mit Trisomie muss in der Tat niemand großziehen, erst recht wenn sie oder auch er sich dazu nicht in der Lage sieht. Niemand muss sich hierfür rechtfertigen, und die Belastungen der Eltern behinderter Kinder kleinzureden, oder diese in unverantwortlicher Weise zu romantisieren, ist mit Sicherheit ein Irrweg. Ein Recht darauf, von einem behinderten Kind frühzeitig zu erfahren, folgt hieraus jedoch nicht, und noch viel weniger eines darauf solches Kind abzutreiben. Wenn das "Großziehen" das Problem ist, können bzw. sollten dies vielleicht doch besser andere übernehmen.