Neue Lesermeinung schreiben

Der Artikel und die Leserinnenpost sind mir persönlich sehr nahegegangen. Vor mehr als 20 ahren war ich 36jährig zum 4. Mal schwanger und hatte einer Fruchtwasseruntersuchung nicht zugestimmt. Wir wollten das Kind so, wie es war. Naiv? Mein Arzt konnte sich jedenfalls nicht damit abfinden, auch wenn die Ablehnung unsere klare Entscheidung war und genau so im Mutterpass vermerkt wurde. Damals war ich Landessynodale der EKvW und weilte zur Frühjahrssynode in Bethel, als mich ein Anruf aus der Praxis ereilte. Ein Routine-Bluttest hätte ergeben, dass eine Wahrscheinlichkeit bestünde, ich könne ein Kind mit Down-Syndrom austragen. In dieser Umgebung traf mich die Nachricht härter, als wenn ich sie zu Hause empfangen hätte. Und hat mich tief verunsichert. Wir haben dann nach der Synode ein Wochenende lang die Ecken rundgelaufen und allerlei Gedankenmodelle durchdiskutiert. Was würden wir tun? Bangen Herzens - wir wollten es wissen - haben wir dann die Fruchtwasseruntersuchung in der 24. Woche im KH doch machen lassen. Trotz aller Risiken. Anschließend habe ich eine lange und lautstarke Debatte mit meinem Arzt geführt. Ich fühlte mich nach den Erläuterungen der Ärzte im KH schlicht hereingelegt. Die Begründung meines Arztes war: "Schauen Sie denn nicht Akte X? Wie oft werden Ärzte verklagt, weil mit einem Kind etwas nicht in Ordnung ist...". (Ich soll ja hier nicht hassen - aber das war einfach nur erbärmlich.) Nun ja - es gingen ein paar Wochen ins Land und dann rief mein Arzt mich an: "Herzlichen Glückwunsch - ihr Kind ist gesund." Unfassbar! Ich antwortete: " Wie können Sie das behaupten? Es ist lediglich mehr oder weniger klar, dass es keine von den 6 Krankheiten hat, die man mit diesem Test nachweisen kann!!" - Wenn Ärzte also nicht demütiger auftreten und deutlich machen, dass es trotz unserer hoch technisierten Medizin keinerlei Garantie-Ansprüche geben kann, brauchen Sie sich über entsprechende Anzeigen nicht zu wundern.
Nun, die Geschichte ging gut aus für uns. Unsere Tochter erfreut sich guter Gesundheit. Und wir mussten uns nicht mit der Frage auseinandersetzen: dieses Kind darf leben oder nicht. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie wir uns entschieden hätten. Wir haben über eine Vorbereitung auf ein Kind mit Down-Syndrom nachgedacht durch Kontaktaufnahme zu Eltern von Kindern mit dieser Besonderheit und zu Beratungsstellen. Aber auch über eine Abtreibung. (Was mir dieser unsägliche Arzt nicht gesagt hatte: eine so späte Abtreibung war zwar im gesetztlichen Rahmen, hätte aber bedeutet, das Kind in meinem Körper zu töten und dann gebären zu müssen.) Am Ende blieb uns diese Entscheidung erspart. Und jedes Mal, wenn ich mit betroffenen Eltern ins Gespräch komme und erlebe, wie belastend ein Leben mit - egal welcher - Behinderung sein kann, aber auch wie bereichernd auf eine andere Weise, berührt mich das in ganz besonderer Weise. Danke allen, die den Mut zu einem Leben mit Behinderung haben! Ich weiß bis heute nicht, ob ich diesen Mut gehabt hätte....