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Guter und lesenswerter Artikel, nur sind die angestellten Überlegungen weder neu noch zielführend - die Diskussion gibt es seit der technischen Machbarkeit der pränatalen Diagnostik. Eine Einschränkung dieser ist prinzipbedingt erstens unmöglich. Die Autorin liefert in ihrem Buch "Alles Inklusive" selbst eine gute Begründung dazu: "Weil ich weiß, dass ich eine Schwangerschaft in Ungewissheit noch weniger ertragen würde." (Seite 117). Sie wäre auch zweitens verantwortungslos, da sie die therapeutische Dimension dieser verneint, als Beispiele seien nur Herzfehler oder andere Defekte genannt, die unmittelbar nach der Geburt opertiert werden müssen oder eine Anpassung des Entbindungsmodus erfordern.

Eine nichtinvasive Diagnostik nur "gegen Aufpreis" (also außerhalb des Leistungskataloges der GKV) würde bedeuten, dass Schwangeren die nicht das notwendige Geld haben, entweder risikobehaftetere Diagnostik oder gar keine zur Verfügung steht. Sie wäre daher im Endergebnis sozial ungerecht, und würde sogar bedeuten, dass das Entscheidungsspektrum über Eigenschaften des Kindes vom Geldbeutel abhängt. Die zwickmühlenhafte Charakteristik dieser Entwicklung wird hier offensichtlich.

Die auch im vorstehenden Artikel genannte Kritik an "unerwünschter" oder "zuviel" Diagnostik ist ebenfalls lange bekannt. Diese Entwicklung gründet in der haftungsrechtlichen Problematik (vgl. hierzu "Kind-als-Schaden"-Rechtsprechung, sowie Ulrike Riedel: Kind als Schaden. Mabuse Verlag, 2003). Stellt ein Arzt schuldhaft eine Behinderung des Kindes nicht pränatal fest, so kann er für dessen Unterhalt in die Schadenersatzpflicht genommen werden. Dass er es hierauf nicht ankommen lassen will, liegt auf der Hand. Ebenso, dass sowohl alle nur denkbare Diagnostik, Indikationsstellung und Schwangerschaftsabbruch zum Ausschluss solcher Risiken Anwendung finden. Entsprechende Urteile zogen einen öffentlichen Aufschrei nach sich, tatsächlich ist es jedoch unsinnig die im Grundsatz berechtigte Kritik auf die Gerichte auszurichten, da deren Auftrag lediglich darin besteht, bestehende Gesetze auszulegen. Die Voraussetzungen dafür hat der Gesetzgeber mit der medizinisch-sozialen Indikation geschaffen. (vgl. hierzu ausführlich Franzki, Haftung für übersehene Fehlbildung. Drei neue Entscheidungen zu den Folgen fehlerhafter pränataler US-Diagnostik. In: Ultraschall in der Medizin (2003) Heft 24, S. 17–20). Wer diese jedoch überdenken will, wird sofort mit erheblichen Widerstand konfrontiert.

Das angenommene "Recht auf Schwangerschaftsabbruch" von einem "Recht auf ein gesundes Kind" zu trennen ist zunächst nachvollziehbar, weil dies zwei Dinge sind die per se erst einmal nichts miteinander zu tun haben. Lange Zeit war dies auch die Position der Frauen innerhalb der Behindertenbewegung (vgl. hierzu Theresia Degener / Svantje Köbsell - Hauptsache, es ist gesund? Konkret Literatur, 1992), das entscheidende Problem jetzt aber ist, dass diese Trennung mittlerweile obsolet geworden ist. Die nichtinvasive Diagnostik kann bereits lange vor der 12. Woche angewandt werden (für die diagnostischen Methoden der damaligen Zeit, etwa Amniozentesen, gilt das nicht). Es ist technisch gesehen somit nicht mehr möglich, zwischen der selektiven Interruptio und der "nichtselektiven" zu unterscheiden. Wer für das Recht auf Abtreibung eintritt, tritt zwangsläufig damit auch für die gezielte Selektion und anteilsmäßig hohe Abtreibung im Fall einer festgestellten Behinderung ein. Auch wenn er oder sie das gar nicht will oder beabsichtigt. Was genau oder wie früh, oder wie sicher man diagnostizieren kann, ist lediglich eine technische Frage, die sich mit Moore's Gesetz beantworten lässt. Die Verfügbarkeit der NIPT ist indes durch Direct-to-Consumer-Angebote und Vertriebswege wie das Internet praktisch längst unkontrollierbar. Wer den feministischen Diskurs verfolgt, wird ebenso weiterhin feststellen, dass Positionen wie die der Autorin (Abtreibung ja, Selektion nein) wie auch vergleichbarer (etwa: Kirsten Achtelik) aus naheliegenden Gründen marginalisiert sind.

Wer in diesem tatsächlichen Gesicht der "reproduktiven Freiheit" eine schmerzvolle Erkenntnis sieht, dem sei ein Blick ins juristische Schrifttum empfohlen, wo derartige Entwicklungen lange vor ihrem Auftreten bereits vorhergesagt wurden (vgl. dazu Tröndle, Herbert: Das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz. In: NJW (1995), S. 3009; sowie Otto, Harro: Die strafrechtliche Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs. In: Jura (1996), S. 135–145). Es liegt auf der Hand, dass die Agenda selbsternannter konservativer bis rechter "Lebensschützer" in ihrer Kontextualisierung und ihren Begründungsfiguren absurder, falscher und inhärent diskriminierender nicht sein könnte. Tatsächlich allerdings wird aus genau demjenigen Konzept, das die Gleichheit aller Menschen, Männern wie Frauen, Gesunder wie Behinderter (um nur die hier relevanten Kategorien zu nennen) vor dem Gesetz und in ihrer Würde erst begründet und an prominentester Stelle auch festschreibt - namentlich in Artikel 1, 2 und 3 des deutschen Grundgesetzes - die Unvereinbarkeit eines Rechts auf Abtreibung mit diesem festgestellt (vgl. BVerfGE 39,1 wie 88,203). Wer bis hierher gelesen hat, wird auch zu verstehen beginnen, warum. Weniger scheint eine Diskussion über das "Frauenbild" unserer Gesellschaft, wie sie aktuell in den Reformbestrebungen des 219a immer wieder geführt wird, notwendig als über deren Menschenbild, und insbesondere über verschränkte Zusammenhänge dabei.

Es bedarf im Übrigen keiner bestimmten religiösen Überzeugung, die technische Machbarkeit einer Handlung oder deren Desiderat in einen prüfenden Abgleich mit Leitprinzipien wie der Menschenwürde, oder der Gleichheit aller Menschen zu stellen. Es liegt vielmehr in aller Verantwortung über weltanschauliche und ethnische Barrieren hinweg, diese nicht einem Einfluss oder Zeitgeist preiszugeben, dessen Scheitern grotesker gerade kaum vor Augen geführt werden könnte.