Neue Lesermeinung schreiben

Bei der Erarbeitung einer Ausstellung mit Dokumentation zur Geschichte meiner Heimatstadt Wunstorf fiel mir ein Leserbrief aus der Wunstorfer Zeitung vom 25. Juli 1932 in die Hände, den ein unbekannter SA-Mann nach einem Gottesdienst anlässlich einer SA-Fahnenweihe geschrieben hatte. Darin schreibt der Leser, der übrigens anonym bleiben wollte:
. . . . Seiner Ansprache legte Superintendent Hövermann das Bibelwort zugrunde: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht“. Der aus Gott geschöpfte Geist der Kraft gibt uns den Mannesmut, für eines unserer heiligsten Güter, unser Vaterland einzutreten. Der Geist der Liebe lässt uns auch im Gegner den Volksgenossen und Brudersehen. Der Geist der Zucht bekämpft die Selbstsucht und fordert Einordnung in den Dienst am Ganzen. Die drei Dinge müssen in uns wachsen, dann können wir mit reinem Gewissen am Glauben an Deutschlands Zukunft festhalten. Gott, der Quell dieses Geistes ist unsere Burg. . . .
Dieser so „gläubige“ SA-Mann hatte sicher später kein Problem damit, dazu beizutragen, dass Wunstorf im Juli 1942 „judenfrei“ war. Es war diese zur Schau gestellte Frömmigkeit, die Kirchen und vor allem Protestanten davon überzeugte, das die größte Bedrohung von den Sozialisten und den Kommunisten ausging. Die Parallelen zu heute sind sicher nicht zu übersehen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass besonders konservative „Gläubige“ auch heute eher reaktionäre Politik unterstützen, wie man es gerade wieder in den USA, Brasilien, Polen usw sehen kann.