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Die Kritik an Haftstrafen aufgrund hoher Rückfallquoten ist bei weitem nicht neu. Und das „gesunde Volksempfinden“, das sich durchaus in Forderungen wie „an die Wand stellen“ ergeht, kann nicht rechtstaatliches Handeln bestimmen. Das wir also etwas Besseres brauchen als Gefängnisse scheint klar: Aber was? Leider beschränkt sich Herr Grabitz ausschließlich auf Kritik, ohne konstruktive Vorschläge zu nennen, wie das Strafsystem sinnvollerweise umgebaut werden könnte. Und was mich als Nicht-Jurist besonders stört: Er nimmt für die Kritik an langen Gefängnisstrafen ausschließlich die Sicht der Täter ein. Was aber ist mit den Opfern? Der Weiße Ring und andere Institutionen kritisieren zu Recht, dass unser Rechtssystem hier eine Schieflage hat. Haftbedingungen und –folgen täterseits werden meist deutlich intensiver diskutiert, während es oft so scheint, dass teils langjährige und einschneidende Folgen auf Opferseite von offizieller Seite weitgehend ausgeblendet werden.
In einem Rechtsstaat darf Strafe keinesfalls Rache sein. Und Rechtsprechung wird nie wirkliche Gerechtigkeit herstellen können – und darf es auch nicht, wenn man nicht wieder beim Prinzip „Auge um Auge“ enden will. Aber: die Rechtsprechung sollte sehr wohl nach dem Anspruch handeln, der Gerechtigkeit sich zumindest zu nähern. In einer Demokratie ist formell der Gesetzgeber vom Volk beauftragt, so dass es auch nicht angebracht ist, generell den „Volkeswillen“ lächerlich zu machen. Sondern das Stichwort sollte sein: Nachvollziehbarkeit, und das nach Möglichkeit auch für Nicht-Juristen! Die oben genannten Stammtischparolen werden gern in der sicheren Gruppe bzw. in der vernetzten Welt geäußert. Brächte man die Menschen dazu, sich wirklich mit der Thematik zu befassen, so würden sicherlich auch differenzierte Ansichten dabei herauskommen – etwas, dass man vielleicht mit dem „gesunden Menschenverstand“ bezeichnen könnte. Aber Nachvollziehbarkeit ist in jedem Falle wichtig – und auch die respektvolle Einbeziehung der Opfer einer Straftat in den Urteilsfindungsprozess. Diskussionen darum, ob jemand, der z. B. mit einem Messer auf einen anderen Menschen eingestochen hat, wirklich Tötungsabsicht hatte oder um die Lebensgefährlichkeit des Messers wissen konnte, mögen mit juristischem Fachwissen verständlich sein, machen ohne eine wirkliche Erklärung die Nachvollziehbarkeit aber leider nicht besser. Eher haben sie Potential, die Ressentiments gegen angeblich zu lasche Strafverfolgung zu befeuern.