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Sehr geehrte Damen und Herren,

seit einiger Zeit verfolge ich die politische und gesellschaftliche Diskussion um das Thema bedingungsloses Grundeinkommen und habe meine Einschätzung dazu in Ihrem Artikel wieder einmal bestätigt bekommen.

Mir fällt auf, dass die Forderung nach einem Grundeinkommen fast immer aus der „kreativen/ künstlerischen Szene“ kommt. Ich selbst bin seit 19 Jahren im Krankenhaus tätig, erst als Krankenschwester, dann als studentische Hilfskraft und seit 10 Jahren als Ärztin in der Anästhesie und Intensivmedizin.

Von Krankenhausmitarbeitern hört man so gut wie nie den Wunsch nach einem Grundeinkommen, wohl aber den, nach einer angemessenen Bezahlung unserer Arbeit.

Mit der letzten Frage in dem Interview führen Sie die Diskussion quasi selbst ad absurdum. Was wäre denn, wenn alle Krankenschwester sagen: meine Arbeit ist schlecht bezahlt, ich habe ein Grundeinkommen , ich suche mir etwas anderes..?

Das letzte Wochenende habe ich jeweils von 8-21 Uhr auf der Intensivstation verbracht und habe mitbekommen, wie sich in jeder Schicht eine Pflegekraft für den nächsten Dienst krank gemeldet hat. Die zwei verbliebenen Schwestern, die dann zum Dienst kamen, haben einmal geschluckt, einen starken Kaffee getrunken und die kommenden 8 Stunden zu zwei 10 beatmete Intensivpatienten betreut.

Was wir brauchen, ist kein Grundeinkommen, damit die letzten verbliebenen hart arbeitenden Krankenschwestern getrost ihre Arbeit aufgeben können und sich einen kreativen , selbstverwirklichenden Job suchen können, (das würden sie nicht machen, sie fühlen sich den Patienten verpflichtet), sondern eine faire Bezahlung der sozialen Berufe - meinetwegen unter Reduzierung der Löhne in weniger kraftraubenden Berufen.

Es können und wollen nicht alle Menschen Bücher , Zeitschriften oder Theaterstücke schreiben oder einen werbefinanzierten Youtube - Kanal starten.

Und was würde das auch für die Gesellschaft bedeuten, es ist doch heute schon nicht mehr möglich, die freien Stellen in der Pflege zu besetzen.

Mir scheint, dieser Aspekt wird von den Befürwortern des Grundeinkommen nicht mal gedanklich gestreift. Und dieser letzte Satz im Interview zeigt es so exemplarisch.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Anne Hübner