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Sehr geehrte Frau Holch, sehr geehrte Redaktion und hallo an alle KommentatorInnen,

Ich möchte, nachdem ich alle Kommentare gelesen habe, noch ein paar Dinge hinzufügen.

Zunächst bin ich dankbar über die Möglichkeit, sich hier auf dieser Plattform mit anderen LeserInnen auszutauschen und somit das schreckliche, verstörende Thema zu bearbeiten.
Mir hat es sehr geholfen. Jetzt, nachdem ich die Meinungen gelesen habe, fühle ich mich nicht mehr so allein mit dem Schrecken und dem Entsetzen, den der Artikel in mir ausgelöst hat.
Ich kann nicht, wie andere hier, beurteilen, ob die schrecklichen Zitate (darunter auch die Überschrift) notwendig waren, um Aufmerksamkeit zu erlangen oder ob sie eher vermieden werden mussten, der Triggerwirkung halber. Ich teile Ihre Meinung, Frau Holch, dass so viele wie möglich, erreicht werden müssen. Das Thema darf nicht, so grausam es ist, gemieden werden. Um Opfern zu helfen. Zum Schutz vor (zukünftigen) Opfern, um Kinder so gut wie möglich zu beschützen.
Unter anderem ist das ein Grund weshalb ich mich entschlossen habe, Kindheitspädagogik zu studieren. Dissoziationen, Traumata, all das war mir vorher nicht bekannt. Was schon erschreckend genug ist. Vor Studienbeginn habe ich den Film "Spotlight" gesehen, den ich nur empfehlen kann. Er hat, obwohl ein Film ja aus direkten, deutlichen Bildern besteht, glücklicherweise wenig (meines Erachtens nach) Triggerpotenzial und die harten, schrecklichen Fakten über organisierte sexualisierte Gewalt an Kindern offenbaren sich nach und nach. Auch Ihnen, Frau Holch, die Sie sich organisierte Netzwerke nur schwer vorstellen können, kann ich diesen Film vorschlagen. Er beruht auf der wahren Begebenheit, dass im Jahr 2001 eine Zeitung in Boston anhand EINES Kindesmissbrauchsfalls ein ganzes Netzwerk der katholischen Kirche aufdeckt. Der Film hat mich benommen gemacht und nachdenklich, nicht unbedingt verstört. Er hat mich eher ermutigt, präventiv handeln zu wollen und aufzuklären.
Einige Male schon habe ich, wenn ich dieses Theman vorsichtig ansprach, als Antwort erhalten, die Person habe das selber erlebt. Allein meine Erfahrungen bestätigen also diese schlimmen Zahlen.

Nachdem ich Ihren Artikel las, klangen die Zitate des Onkels in meinem Kopf wider, erreichten mich im Traum, beim Kaffeetrinken im Café, im Schaufenster eines Modeladens, das Kinderbekleidung präsentierte. Und ja, es war verstörend. Wie Ruth geschrieben hat, hatte auch ich Schwierigkeiten, mich abzugrenzen und konnte einige Tage nicht mit meinem Freund schlafen, die Vorstellungen begleiteten mich permanent.
Ich denke, was das Thema so schwierig macht ist schlichtweg die Grausamkeit. Die Vorstellung, dass in diesem Akt das Schönste der Welt und das Grauenvollste der Welt vereinbar ist, wie eine Hand zugleich liebevoll schützen und berühren und ebenso schlagen und verletzen kann, das ist das Schlimme, Schlimme, Schlimme. Um diesen Akt als etwas Schönes zu bewahren, kann ich mir vorstellen, deshalb mögen so viele Menschen das Thema sexualisierte Gewalt nicht wahrhaben.
Mir kommt es vor als verdunkele sich die Welt, wenn ich mir vor Augen führe, dass es diese Grausamkeiten gibt. Es ist unendlich schwer, an das Gute zu glauben, Kraft zu haben um für Opfer da zu sein, sie zu unterstützen in ein selbstbestimmtes, glückliches Leben und gleichzeitig diese Dinge zu erfahren. Vielleicht ist es daher auch menschlich, die Augen vor dem Schlimmen zu verschließen, um weiterhin positiv bleiben zu können.
Dass damit keinem geholfen ist, der diese Verletzungen erfahren musste, ist selbstverständlich. Und deshalb denke ich, braucht es eine Brücke zwischen dem Sprechen über die Erfahrungen und dem Kraftschöpfen im Positiven.

Herr Sauer schreibt, man könne das Magazin nicht offen herumliegen lassen, damit es Jugendliche nicht alleine und unbegleitet lesen. Das denke ich auch. Gerade in einer Zeit, in der sich die Sexualität ausbildet und aus dem Kind ein Erwachsener wird, in dieser verletzlichen, von Unsicherheiten geprägten Zeit kann dieser Artikel sehr verstörend sein. Nicht das Thema. Aber Ihr Artikel mit den ins Gehirn brennenden grausamen Zitaten des Onkels. Auch hier, die Brücke. Wenn wir Jugendliche vor dem Thema schützen, sie abschirmen, kann genau das passieren, was keiner will: dass sie im Stich gelassen werden und Ihnen Hilfe verwehrt bleibt, wenn sie dringend Hilfe brauchen. Wir müssen das Thema ansprechen, doch vielleicht nicht mir der Brisanz Ihrer Worte.
So wie hier (erwachsene!) jüngst gewordene Mütter schreiben, sie hielten nicht aus, sich im Hinblick auf ihre kleinen, schutzbedürftigen Kinder mit dem Thema zu beschäftigen, so denke ich, ist es gefährlich, Jugendliche auf diese weise mit dem Thema zu konfrontieren.

Es ist noch viel zu tun und es erfordert von allen viel Mut und Kraft. Besonders von den Betroffenen. Und aber auch von den Nahestehenden, den Institutionen, die durch ihre Fürsorge eine Sekundärtraumatisierung, die meist stärker und nachhaltiger ist als die Primärtraumatisierung, zu vermeiden und stattdessen Hilfe zu leisten.
Aber natürlich auch von der Gesellschaft allgemein. Von der Politik. Und ja, das Strafrecht muss dringend reformiert werden, es ist einfach schrecklich, wie die Zustände jetzt sind.
Und so denke ich, braucht es alle Menschen, die gemeinsam soviel Kraft aufbringen können, Schlimmes so gut wie möglich zu heilen. Präventiv zu handeln. Hier möchte ich das Synonym der Vase aufgreifen: Nach einer Tradition in Japan wird eine Teetasse, die zerbrochen ist, wieder sorgfältig geklebt. Alle Teile werden aufgelesen und die Klebestellen, die Linien, werden mit Gold übermalt, sodass die Tasse ihr Aussehen verändert. Wenn ich das übertragen kann, so meine ich damit die Heilung, die liebevolle Fürsorge und die Wertschätzung. Mit all ihren „Narben“ ist diese Tasse schön. Auf ihre eigene Weise. Sie ist ganz und wieder heil, auch wenn auf ihr Spuren zu lesen sind. Und sie verdient ihren Platz im Regal, ihre Wertschätzung, so wie jede andere Tasse auch.

Ich danke Ihnen, Frau Holch, einen Beitrag geleistet zu haben und damit den Versuch, das Thema ins Bewusstsein vieler Menschen zu befördern worauf Hilfe und Unterstützung folgen können.

Ich wünsche allen Betroffenen die Kraft zur Selbstliebe. Ich wünsche allen Menschen die Kraft und den Mut, Unterstützung zu geben, dem Schlimmen ins Auge zu sehen und es damit zu überwinden, Hand in Hand, in der Gemeinschaft voll Vertrauen und Zuversicht.

Ich danke allen KommentatorInnen,

Milena