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Sehr geehrte Frau Holch, sehr geehrte Frau Prof. Kraft,

Es wird in Ihrem Austausch debattiert, ob es angebracht ist/ war, daß Frau Holch ausdrücklich darauf hinweist, daß sie sich gefragt hat, ob das wahr sein kann, was Lea "an Monströsem erzählt" und daß sie schließlich keine Anghaltspunkte gefunden hat, "daß nicht stimmt, was Lea berichtet".
Frau Prof. Kraft meinte, daß sie damit Misstrauen an den Aussagen von Lea zum Ausdruck gebracht habe.
Zurecht betont Frau Holch daraufhin, daß sie es aus Gründen der Sorgfaltspflicht tun müsse, und als Journalistin Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen muß.
Und es hat beim Lesen den Aussagen nochmal mehr Nachdruck gegeben. Und es kann vom Opfer auch verstanden werden als ernsthaftes Interesse.
Ich habe ihren Text gelesen als Fachfrau, die sehr viel mit Opfern von sexueller Gewalt arbeitet und als Betroffene, die selbst Missbrauch in der Familie erlebt hat.
Und ich fand gerade diese Passage sehr überzeugend. Denn letzten Endes bleibt bei der Konfrontation mit diesem Verbrechen doch immer ein Stück Fassungslosigkeit darüber, daß ein erwachsener Mensch und dann auch noch ein Familienangehöriger so etwas einem schutzbedürftigen Kind, für das er eine Fürsorgepflicht hat, antut.
Außerdem habe ich als Fachfrau im Austausch mit Kolleg*Innen oder auch Gutachter*innen nicht selten erlebt, daß ich als leichtgläubig hingestellt wurde, wenn ich dem Opfer so eine Geschichte geglaubt habe. Und diese damit mit Abwehr reagiert haben, weil diese Wahrheit oft schwer zu ertragen ist. Das zeigt sich auch darin, daß nicht wenige Kolleg*innen Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch geht, schnell woandershin schicken, mit Aussagen wie, daß sie hier nicht qualifiziert seien.
Wenn der Missbrauch in der Familie stattfindet, ist es noch mal wahrscheinlicher, daß zunächst nicht geglaubt wird, weil die anderen Familienangehörigen nicht wahrhaben wollen, daß ein Familienangehöriger ein Täter ist. Hier muß man sich (spätestens) von dem Ideal der heilen Familie verabschieden.
Es ist kein Zufall, daß erst durch den Missbrauchsskandal in Institutionen, zunächst in der katholischen Kirche die Problematik sexueller Missbrauch ernstgenommen wurde, und die Bevölkerung bereit war, es zu glauben, da es für viele zum Feindbild "Katholische Kirche" gepaßt hat. Schwieriger war es dann schon in der evangelischen Kirche und dann in der hoch angesehenen Odenwaldschule mit der Bereitschaft, die Missbrauchs-Vorwürfe ernstzunehmen. Dabei handelte es sich immer um eine Vielzahl von Opfern, die ähnliches erlebt haben im selben Umfeld.
Viel schwieriger ist es für mißbrauchte Kinder in der Familie.
Durch meine Teilnahme am Betroffenen-Kongress in Berlin habe ich erst richtig deutlich gespürt i.R. des Workshops "Sexualisierte Gewalt in Familien", wie verdammt allein man dasteht in Familien, und wie gut es tat, hier mit über 30 anderen Betroffenen zusammenzukommen. Das war als bekomme man Geschwister dazu. Und eine Workshop-Leiterin formulierte dann auch trefflich "Wir sind alle verwaist."
Spricht man nicht darüber, bleibt man einsam - und spricht man darüber, wird man sehr häufig ausgegrenzt.
Ich selbst habe 5 Geschwister (3 Brüder, 2 Schwestern)- die in unterschiedlichen Phasen mal geglaubt haben und dann wieder nicht - in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren. Eine Schwester von mir sagte zunächst, daß ich das ja nur sage, um mich in den Mittelpunkt zu stellen. Nach 20 Jahren konnte sie schließlich sagen, sie glaube mir.
Alle meine 3 Brüder hatten zum Zeitpunkt des Todes unseres Vaters (vor 2 Monaten) schließlich die Haltung, daß es eine Falschbehauptung von mir war. Meine ältere Schwester glaubt mir uneingeschränkt. Und am wichtigsten für mich ist, daß meine Mutter nach der Trennung von unserem Vater im Alter von 63 J. bereit war, sich mit meiner Geschichte auseinanderzusetzen und schließlich geglaubt hat und mich um Entschuldigung gebeten hat, daß sie mich nicht schützen konnte. U.a. weil sie es sich nie habe vorstellen können, daß ein Vater seinem Kind so etwas antue. Und das war für mich absolut authentisch. Ganz wichtig war für mich, um mir selbst zu glauben, der Einblick in meine Krankenakte in der Kinderklinik, in der ich 1966 behandelt wurde.
Von der Beerdigung unseres Vaters wurde ich ausgeschlossen (von den Brüdern) - aber
ich hatte das Glück, sehr enge Bindungen eingehen zu können und habe dadurch sehr gute Schulfreundinnen, die mir immer beigestanden haben wie auch in diesen schweren Tagen. Auch hat mir die Wiederentdeckung meines Glaubens mit ca. 30 J. und aktive Teilnahme am Gemeindeleben viel Kraft gegeben. Die kirchlichen Lieder verbinden mich stark mit meiner inzwischen verstorbenen Mutter, die eine wunderbare Sängerin war. Und ich erlebe mit meiner heutigen Familie und in meinem Beruf ein reiches und erfülltes Leben.