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Zunächst möchte ich erwähnen, dass meine Kritik an einigen Formulierungen der Verfasserin („Am Ende habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass nicht stimmt, was Lea berichtet“ u. a.) bereits anderweitig angesprochen wurde, deshalb brauche ich diese Textpassagen nicht mehr aufzuführen. Der Beitrag von Frau Prof. Kraft spricht mir beispielsweise aus der Seele!
Ich schreibe hier als Betroffene und möchte an dieser Stelle Folgendes im Vorwege ganz klar benennen: ein Kind denkt sich solche Handlungen bzw. Erlebnisse nicht aus! Die kindliche Phantasie (ohne solch schrecklichen Erfahrungen) kann solche Bilder, Erlebnisse im kindlichen Erleben noch gar nicht erzeugen, wie sollte sie auch! Es ist unerträglich, dass es Menschen gibt, die behaupten ein (missbrauchtes) Kind würde lügen/ sich "alles nur ausdenken", das ist nicht der Fall! Sexualisiertes Verhalten (auch verbal) ist kein Zufallsprodukt bei einem Kind-es gibt immer! eine Ursache!
Ich habe Leas Geschichte gelesen und habe geweint- meine Geschichte ist eine andere, aber ich erkenne mich überall wieder. Bei Lea der Onkel, bei mir der Vater. Im Gegensatz zu Lea war ich rund um die Uhr "die Prinzessin", nach der Scheidung meiner Eltern (Auszug meiner Mutter als ich fünf war, ich habe dann bei ihr gelebt) war ich plötzlich alles: die Tochter, die Geliebte, der seelische Mülleimer (Betteln und Ohren zuhalten konnten ihn mit seinem "Erwachsenengerede" einfach nicht stoppen) und der einzige Halt. "Wenn du auch nicht mehr da wärst, würde ich mich umbringen". Ich war sechs, kam in die Schule und wurde dick, habe mir eine dicke Schutzschicht angefressen. Von den Streitereien meiner Eltern mal abgesehen, war bis dato meine Welt als Tochter noch im Grundsatz in Ordnung: ich hatte einen Vater, der mich, die Prinzessin, einfach nur über alles liebte und eine Mutter, die das gleiche tat: ich liebte beide gleichermaßen und umgekehrt.
Nach der Trennung wurde alles anders. Ich habe nicht in vollem Ausmaß mitbekommen, wie sehr mein Vater meiner Mutter zugesetzt hat: keine Selbstmorddrohungen mehr, nun folgten Telefonterror und üble Nachrede, wie man heute sagt. Die Familie väterlicherseits wurde aufgehetzt und ließ kein gutes Haar an meiner Mutter. Sonntags bei Oma...Frühstück...wie viele Jahre wurde dort über die Schlampe gesprochen- meine Mutter. Mit acht Jahren bin ich mit klopfendem Herzen vor Angst aufgestanden habe auf den Tisch geschlagen und gesagt: "Wenn ihr noch ein einziges Mal schlecht über Mama redet, dann komme ich nie wieder". Ich hatte panisch mit einem Donnerwetter gerechnet, aber es herrschte absolute Stille.
Zurück zum Beginn: ich war fünf und wusste nicht, was falsch lief, als mein Vater nachts zu mir ins Bett kam, ich wusste nur DASS ETWAS FALSCH LIEF (s.o. "Kinder lügen nicht). Ein Kind spürt, dass etwas bedrohlich ist... dass etwas passiert, das dort nicht "hingehört". Da die kindliche Psyche ja noch lange nicht voll entwickelt ist, passiert automatisch Folgendes: das Kind spürt: was Papa (in meinem Fall) da macht ist falsch, ALSO MUSS ICH DARAN SCHULD SEIN. Das Kind glaubt (fühlt):"Ich bin verantwortlich für das, was Papa, Onkel, Bruder usw. da Falsches tut". Das Kind, das ja emotional (und auch sonst) von dem Täter abhängig ist und kann der Person noch gar keine Schuld geben, so wie Erwachsene es können (Entwicklung der Psyche). Dann passiert, was Lea auch beschreibt: das Kind versucht alles richtig zu machen, damit es aufhört...es hört aber nicht auf!
Der Missbrauch durch meinen Vater dauerte an bis ich 12 Jahre alt war. Ich erinnere mich, dass meine Kindheit einfach plötzlich weg war- ich musste handeln und denken wie eine Erwachsene und ich musste in jeder Hinsicht die Verantwortung übernehmen wie eine Erwachsene. In meinen Händen lag die Verantwortung für das Leben beider Elternteile. Für meinen Vater, der nur am Leben blieb, weil er "seine Prinzessin" hatte und für meine Mutter, da sie nichts merken durfte ("wenn Du unser Geheimnis deiner Mutter erzählst, dann stirbt sie und du bist schuld"). Ich wurde als Erwachsene ein paar Mal gefragt, ob ich sicher wäre, das meine Mutter nichts gemerkt hätte. Natürlich war ich sicher, auch als Kind wusste ich eins genau: dass ich meine Rollen so gut spielte, das sie gar nichts hätte merken können- so sicherte ich ihr Überleben. Ich schlüpfte in meine Rollen: bei Mama, in der Schule, bei Oma usw. Vorgemacht hat mir dies ausgerechnet mein Vater: tagsüber war er der gute Papa, der er früher immer gewesen ist: lieb, hat Ausflüge mit mir gemacht usw. Der Tag-Papa war "der Gute" vor dem man keine Angst haben musste, abends begann das Grauen das komische Verhalten, der veränderte Gesichtsausdruck. Ich glaube ich war zehn, als ich instinktiv nach Flaschen gesucht habe, ich habe keine gefunden. Woher hätte ich wissen sollen, dass der fremde, beängstigende "Abend-Papa" nicht durch Alkohol komisch wurde, sondern psychisch krank war, die gespaltene Persönlichkeit habe ich erlebt, aber nicht verstanden. Aber gespürt habe ich, dass da zwei Papas sind, die gespaltene Persönlichkeit habe ich tatsächlich übernommen (den "guten Papa" musste ich nicht fürchten) und habe ihn für mich auch zu zwei Personen gemacht.
In den 80ern widersprach man als Tochter dem Vater / Erwachsenen nicht, aber genau das habe ich getan und dieser Abend hat den vollzogenen Missbrauch beendet, nicht aber das (lebenslange) Leiden. Längst war ich "plietsch" genug, um mir immer neue Ausreden auszudenken:" Ich kann heute nicht hier schlafen, ich muss Mama beim Abwasch helfen" u. ä. Ich war zwölf und dann kam der Abend: mein Vater wollte meine aktuelle Ausrede nicht akzeptieren. Er war wütend, er hätte das Recht auf seine Wochenenden (die ihm meine Mutter niemals streitig gemacht hatte, ich konnte grundsätzlich zu ihm gehen, wann ich es wollte, wir wohnten in einer Straße) und auf Schlafbesuch, ich hätte außerdem ewig nicht bei ihm geschlafen. Mein "aber" nützte nichts, er nahm das Telefon ab, wählte die Nummer meiner Mutter und hielt mir den Hörer hin. Schiere Panik... mein Herz schlug so laut, aber ich stand mit dem Rücken an der Wand, nahm ihm den Hörer ab und legte einfach auf.
Das Gebrüll seinerseits war unbeschreiblich: was mir überhaupt einfiele usw. Er zerrte mich zur Tür, schubste mich ins Treppenhaus (ich fiel auf die Treppe) und schimpfte, ich solle zu meiner Mutter gehen. Ich bin noch nie in meinem Leben so schnell gerannt! Atemlos zuhause angekommen, lief meine Mutter an mir vorbei in die Küche: " Wo ist meine Jacke? Die brauche ich morgen." In meinem Kopf rauschte es ganz laut. Schock-Zustand, ich reagierte automatisch. Ich wusste, ich musste die Jacke holen, damit meine Mutter weiterhin nichts merken würde. Ich ging mit meinem Rauschen im Kopf (Todesangst) zurück und klingelte. Türöffner, ich ging nach oben, die Tür stand offen, mein Vater wartete im Wohnzimmer darauf, dass ich mich entschuldigen würde. Ich rannte in den Flur, griff die Jacke und rannte nach Hause. Ich hatte Todesangst, weil ich das getan hatte und dann sah mich meine Mutter. Diesen Abend werde ich nie vergessen! Sie sah mir ins Gesicht und fragte was passiert sei, "alles okay? Habt ihr euch gestritten?" Und ich konnte nicht sprechen, mir liefen die Tränen, Panik! Ich wollte funktionieren, das Leben meiner Mutter stand auf dem Spiel, aber ich konnte nicht sprechen. Ich brach einfach zusammen. Meine Mutter nahm mich in den Arm, tröstend, ein Streit käme in jeder Familie mal vor, wir würden uns wieder vertragen. Ich stammelte, dass ich nie mehr zu ihm gehen würde. Meine Mutter wurde ernst, fragte nach. "Hat er dich angeschrien?" "Er hat dich doch nicht etwa geschlagen?" Als sie "was dann" fragte, schluchzte ich hemmungslos. Das Bild habe ich noch genau vor Augen: der Blick meiner Mutter, ihr Gesicht verdunkelte sich und dann fragte sie mich mit einem Tonfall, den ich noch nie gehört hatte (der Tonfall einer Mutter, deren Leben in sich zusammenbricht):" Hat er dich angefasst?" Ich dachte nur daran, dass ich jetzt "Nein" sagen müsse, zu oft hatte ich gehört, sie würde tot umfallen, würde ich etwas verraten, ich konnte nicht sprechen, ich habe es wirklich versucht, aber ich konnte es nicht.
Den Aufschrei meiner Mutter höre ich noch heute, dann sagte sie: " Ich bringe ihn um". Sie schrie, griff sich ein Küchenmesser und rannte los, ich rannte hinterher. Sie klingelte und fluchte, obwohl ich bettelte, sie solle aufhören! Keine Reaktion, sie rannte um das Haus herum. Und dann sahen wir seinen Schatten- auf einem Stuhl im Wohnzimmer, er versuchte sich aufzuhängen, stürzte aber. Danach hatte ich einen Blackout.
Der Alltag sah so aus, dass meine Mutter mich versuchte gegenüber seiner Familie abzuschirmen. Meine einzige Oma sagte zu ihr am Telefon: sie geht nicht mehr zu ihrem Vater? Dann habe ich ab sofort kein Enkelkind mehr (sie starb Jahre später mit einem Foto von mir in der Hand).
Mein Vater versuchte immer wieder mich zu kontaktieren, aber ich verweigerte den Kontakt. Meine Mutter versuchte Jahre später ohne mein Wissen, eine Antwort zu bekommen. Er war schwer krank (nicht nur im Kopf) und sie fuhr zu ihm und immer wieder bohrte sie nach... er verleugnete immer wieder... er wisse nichts von damals...er hätte starke Tabletten genommen, er wisse gar nicht warum ich weggeblieben sei. Ein einziges Mal deutete er an, er hätte durch die Tabletten "vielleicht nicht alles richtig gemacht". Er starb 10 Jahre später. Ich fühlte nichts. Auch im Leben fühlte ich oft nichts, in Situationen in denen ich mit Jungs/ Männern zusammen war. Lea hat es auf den Punkt beschrieben: ich habe mich weggemacht in Situationen "mit körperlicher Nähe"). Auch wenn ich nicht daran dachte, was er immer wieder sagte, bevor ich ging:" Das ist unser kleines Geheimnis und du musst mir Versprechen, das darf nie ein Junge mit dir machen, nur ein Papa").
Ich war ein wütender Teenager: viel Alkohol (später Drogen) und immer auf der Suche nach Bestätigung (ein Selbstbewusstsein hatte ich ja nur nach außen hin): ich merkte schnell, dass es abstumpfte, wenn ich mit möglichst vielen Männern „rummachte“. Es machte mich gefühlskalt und das wollte ich: mich unverletzbar machen. Später dann kam die erste große Liebe…freier emotionaler Fall, der Wunsch nach Körperlichkeit, aber das Trauma und „Kein Mann außer deinem Papa“ machte es unmöglich. Fünf Jahre später die ganz große Liebe- emotional symbiotisch, endgrenzt, er alkoholkrank und selbst gestört und ich gefangen in einer Hassliebe, Jahre lang Trennungsversuche, es ging nicht ohne und nicht mit. Verlustängste die körperlich spürbar waren. So große Emotionen, körperlich hatte ich mit ihm allerdings mein verkrampftes Gefängnis verlassen, ich konnte immerhin körperlich „leben“, das ist bei missbrauchten Menschen oftmals lebenslang nicht möglich. Beziehungen blieben auch später schwierig… Ängste, Wut usw. Trotz all der Therapien, seit ich 18 oder 19 Jahre alt war, habe ich immer gekämpft wie eine Löwin. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Die erste Therapie war nicht ganz freiwillig. Fortschreitende Essstörung, Einweisung drohte bei Unterschreitung eines bestimmten Gewichts…ich wollte ja weiter abnehmen, mich auflösen, das dicke Etwas im Spiegel loswerden, das mich weiterhin anschaute, aber das Leben wurde schwer ohne zu essen. Ausbildungsabbruch. Krankschreibung Jahre lang. Immer kalt, immer müde. Aber endlich Macht statt Ohnmacht: zum Essen kann man nicht gezwungen werden. Dürr sein war toll, möglichst wenig Rundungen. Erste Therapie, zweite Therapie, Themen Essstörung und Missbrauch (ich konnte unter Heulanfällen das erste Mal darüber sprechen, vorher nie möglich, Ohnmachtsgefühle und Nervenzusammenbrüche). Ein weiteres Thema: meine Abhängigkeits-Beziehung, die mich fast umgebracht hat. Diese Therapie ging vier Jahre. Ich wurde süchtig. Ich verstand plötzlich Zusammenhänge, ich hatte eine Ahnung davon, was „Kontrolle behalten“ bedeutet, ich wollte mehr und mehr. Ständig machte es „Klick“ im Kopf, ein Aha-Effekt nach dem Anderen. Hochgefühle. Ich wollte alles, mehr und zwar sofort. Ich drängte auf eine Hypnose. Ich erwartete Bilder, aber nicht, dass ich wieder fünf Jahre alt war, 1:1 die Gefühle empfand. Therapiepause, es war so schrecklich.
Die letzte Therapie habe ich gerade beendet, Stundenkontingent aufgebraucht, am Limit angekommen. So ist das eben, man schlägt sich mit dem unfreiwilligen Ballast der Kindheit unter mörderischen Anstrengungen durch das Leben, kämpft fortan um im Rahmen der Möglichkeiten glücklich zu werden, um Normalität. Es hilft, klar, ich möchte mir nicht ausmalen, wo ich ohne meine Bemühungen wäre (ich hatte zudem Gott sei Dank später einen tollen Stiefvater, er war das für mich, was mein Vater hätte sein sollen, das hat mir Halt gegeben), aber schlussendlich sind Wille und Auseinandersetzung nicht immer ausreichend: ich esse wieder, aber schlecht und unregelmäßig. Ich trinke zu wenig. Ich arbeite wie ein Pferd und ich sorge nicht gut für mich. Ich weiß, was zu tun ist, aber ich kann es nicht umsetzen. Ich überlebe, aber ich lebe nicht. Beziehungen habe ich übrigens vor Jahren at acta gelegt… für das Schöne müsste ich im Verhältnis zu viel „Kopfkino“ ertragen und würde mich noch mehr von mir weg orientieren, leider habe ich das auch heute nicht im Griff. Ich bleibe deshalb lieber allein (emotional kein freier Fall mehr). Nur so kann ich angstfrei leben, traurig aber wahr. Da hat mein Vater ja sein Ziel erreicht, die Prinzessin ist beziehungsunfähig. Zudem kann die Prinzessin, die immer noch kämpft wie eine Löwin, nicht für sich sorgen, sich etwas Gutes tun, nicht auf sich Acht geben. Für Andere sorgen ist kein Problem, das geht immer, aber nicht für sich selbst.
Warum ich all das schreibe? Ich wünsche keinem Menschen, dass er erleben muss was Lea, ich… und so viele andere erlebt haben! Was ich mir wünsche: dass sich Betroffene nicht auch noch anhören müssen, sie würden lügen (mir wurde geglaubt- ja, aber eben nicht immer selbstverständlich)! Immer daran denken: die Höllenqualen, die sich auch weiter durch das Leben ziehen (auf verschiedenen Ebenen), könnten sich Menschen ohne solche Erfahrungen niemals auch nur ansatzweise ausmalen! Das Leben bleibt überschattet. Mein Therapeut hat es mal so ausgedrückt: man kann eine zerbrochene Vase reparieren und Stück für Stück kleben, aber sie wird auch weiterhin aus vielen Splittern und Rissen bestehen und nicht aus einem Stück. Und trotzdem heißt es für so viele von uns „Prinzessinnen“: „FALLEN, AUFSTEHEN, KRONE RICHTEN, WEITERMACHEN“ (die männlichen Missbrauchsopfer möchte ich übrigens keinesfalls unerwähnt lassen!).
Ich hoffe grundsätzlich auf mehr Aufarbeitung, Aufklärung, auf einen bewussten gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema „Sexueller Missbrauch“ insbesondere an Kindern, dazu habe ich nun versucht einen Beitrag zu leisten mit meiner eigenen Geschichte. Tabus brechen! Auch strafrechtlich muss sich Vieles ändern und es bedarf grundsätzlich mehr Support und Verständnis für die Opfer!
Leandra, 44 J. aus Bremen