Neue Lesermeinung schreiben

Sehr geehrte Frau Prof. Kraft,

danke für Ihre kritische Auseinandersetzung mit meinem Text.

Ich erwähne die Zweifel aus zweierlei Gründen:
- Ich wollte unbedingt vermeiden, dass LeserInnen Leas Berichte als unwahr abtun können. Das  ist ja eine häufige Reaktion. Also bringe ich mich wie eine Mittelsperson ins Spiel und erwähne (ohne auszuführen), dass das natürlich "alles" überprüft ist. Ich finde angesichts der LeserInnenreaktionen: Es hat funktioniert.
- Ich unterliege als Journalistin der Sorgfaltspflicht. Ich MUSS überprüfen, ob das, was ich berichte, wahr ist. Nicht wie ein Gericht, aber doch mit einigem Aufwand (auch nachprüfbar). Steht im Pressekodex Ziffer 2.

Übrigens wissen die allermeisten erwachsenen Betroffenen eh, dass ihnen - vor Gericht oder von der OEG-Verwaltungsbehörde - nicht einfach so geglaubt wird. Da mache ich nichts schlimmer.

Nein, ich maße mir nicht an, eine Aussage als Expertin beurteilen zu können. Ich persönlich habe Lea geglaubt, von Anfang an. Aber ich habe - wegen der journalistischen Sorgfaltspflicht -  Drumrum-Recherche betrieben, auch so was wie Plausibilitätskontrolle. Lea wusste immer, mit wem ich rede und welche Fragen ich mir gerade stelle. Der Psychosomatiker Prof. Egle zum Beispiel war wichtig, um herauszufinden, welche Symptome ich erwähnen sollte, weil sie aussagekräftig sind, und welche Symptome sich auch bei anderen Ursachen zeigen. Die hochrangige Aussagebegutachterin war wichtig, um ein Augenmerk auf die Aussageentstehung zu richten. Natürlich hat sie nichts zu diesem konkreten Fall gesagt. Andere wussten, dass es ein Zeichen sein kann, wenn Menschen darauf hinweisen, dass sie sich an einiges sehr gut erinnern, an anderes nicht. All diese Aussagen brauchte ich auch, um die wichtigsten Dinge auf möglichst wenig Raum zu erzählen. Ein gedrucktes Heft ist ja sehr begrenzt.

Letztlich diente alles dazu, dass mir und Lea geglaubt wird. Das Interessante war ja, dass MIR teilweise auch nicht geglaubt wurde (in der eigenen Umgebung), wenn ich davon erzählte. Ich geriet sozusagen ein wenig in die Rolle der Betroffenen. Das nahm ich als ernsten Hinweis für die zu wählende Textanlage.

Sie inkriminieren das Fragezeichen am Ende dieses Satzes: „Erst 2010 beginnt eine öffentliche Diskussion, und immer mehr Betroffene brechen ihr Schweigen. Weil ihnen endlich geglaubt wird?“ Tja, das ist ja auch nicht so ganz geklärt, warum das Thema (in diesem Fall) endlich Aufmerksamkeit bekam. Es kann auch daran liegen, so sagten einige TeilnehmerInnen des Betroffenenkongresses, dass es institutionell Betroffene waren, dass es also viele mit der gleichen Erfahrung mit dem selben Täter gab. Dass es Männer waren, die an die Öffentlichkeit gingen, war ganz vielleicht ebenfalls ein Grund. Wesentlich dürfte aber auch gewesen sein, dass Menschen einem Lehrer so etwas noch eher zutrauen als Familienvätern. Betroffene in Familien stehen ja oft völlig allein. Wie auch immer, es ist für mich eine Frage geblieben, daher das Fragezeichen. Wie das wirkt, dazu habe ich mir an dieser Stelle ehrlich gesagt keine Gedanken gemacht.

Herzliche Grüße
Christine Holch/Chefreporterin