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Sehr geehrte Frau Holch,

Sie haben die Titelgeschichte in chrismon 4/2017 verfasst. Sie stellen beeindruckend dar, mit welcher Kraft sich die junge Frau Lea anstrengt, an der erlittenen Gewalt und aufgrund von Täter-Drohungen nicht zu zerbrechen. Es braucht eine öffentliche Aufmerksamkeit, wie Sie sie mit diesem Titelthema erzeugen können und wie Lea selbst sie hergestellt hat(!).

Vielen Dank für diese notwendige Auseinandersetzung, ebenso wie Sie schon früher wichtige Themen aufgegriffen haben und freundlicherweise dann auch auf Leser*reaktionen antworten. Ich kann erahnen, wie schwer es ist, bei der Thematik „sexuellen Missbrauchs“ die passenden Worte zu finden, einen richtigen Anfang zu wählen, zu entscheiden, was gesagt und was nicht gesagt werden sollte usw., trotzdem möchte ich Ihnen auf einige Passagen hin meine Bedenken schildern.

Sie fragen (sich) in der aktuellen Titelgeschichte eingangs, ob das wahr sein kann, was Lea „an Monströsem erzählt“. Sie berichten sodann, dass Lea Ihnen freundlicherweise Arztbriefkopien überlassen hat … und außerdem haben Sie mit Fachleuten gesprochen incl. „einer Gutachterin für Aussagen“. Sie schließen jenen Absatz mit dem Fazit: „Am Ende habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass nicht stimmt, was Lea berichtet“ (S. 12, 2. Spalte).

Warum ich diesen Satz problematisch finde:

Mit Ihrem den Leser*innen mitgeteilten Prüf-Engagement (bei Ärzten, Juristinnen u.a.m.) reproduzieren Sie m.E. zum einen leider das, was Betroffene immer befürchten (müssen): „Bezweifelte Erinnerung, verweigerte Glaubhaftigkeit“ (Kristin Platt 2012), d.h. dass der eigenen Darstellung zunächst nicht geglaubt wird, sondern erst dann, wenn diverse Expert_innen meinen, einen Betroffenen-Bericht bestätigen zu können. Bei mir erzeugte der von Ihnen eingeschobene „Check“ folgenden Eindruck: Lea wurde nicht zugestanden, wahrhaftige „Expertin in eigener Sache“ zu sein.

Auf meine Reaktion zu einer früher erschienenen Titelgeschichte stellten Sie dar, Fragen deshalb anzubieten, damit Leser*innen ggf.  über bisherige Annahmen hinauskommen (hier aktuell: „Kann es wahr sein …“?). Aber was hat Sie als Journalistin (nicht etwa Staatsanwältin) motiviert , Anhaltspunkte für einen Falschbericht ausschließen zu wollen? Anders – sorry, etwas schärfer – gefragt: mit welcher Expertise könnten Sie beurteilen (jenseits der eingesammelten Informationen), dass/ob ein Betroffenen-Bericht /nicht/ stimmt? [An anderer Stelle in aktueller Titelgeschichte kritisieren Sie selbst verspätete Reaktionen der Medien am Beispiel der Vorfälle in der Odenwaldschule: „Erst 2010 beginnt eine öffentliche Diskussion, und „immer mehr Betroffene brechen ihr Schweigen. Weil ihnen endlich geglaubt wird?“ (S. 15). Sie enden hier mit einem Fragezeichen!].

Sie kommen dann auch auf mögliche Genesungsschritte nach erlittener Extremgewalt zu sprechen (S. 18 Mitte). Weil Bewältigungsversuche jedoch nicht erst in einer Therapie beginnen, sondern u.a. – jene im Text erwähnten – Dissoziationen schon einen Bewältigungsversuch darstellen („normale Reaktion der Seele“, S. 17, 2. Spalte), halte ich – auch in Bezug auf mögliche betroffene Leser*innen – die Verwendung von Dichotomien wie „stimmt – stimmt nicht“ und „wahr – nicht wahr“ für ein heikles Stilmittel; zumal wenn es wie im aktuellen Text um (die Darstellung von) erlebte(r) extreme(r) Gewalt und Traumafolgestörung/en geht und außerdem um Traumakompensations-Anstrengungen, also mittels Dissoziation überhaupt psychisch zu überleben.

Ich hätte es deswegen günstiger gefunden, die möglichen Misstrauens-Assoziationen, welche zum einen Betroffene implizit unter false-memory-Verdacht und zum anderen Traumatherapeut*innen explizit unter „Psycho-Hokuspokus-Verdacht“ (ebda.) stellen könnten, mit rhetorischen Fragen u.ä. nicht zu bedienen, da eventuelle diesbezügliche Echos weiteres Leid erzeugen können (ebenso das als Überschrift gewählte Täter-Zitat auf Seite 12).

Vielen Dank an Sie und die Redaktion, dem wichtigen Thema so viele Seiten eingeräumt zu haben (incl. der Hinweise auf weitere „nützliche Infos“).

Mit freundlichen Grüßen

Kristina Kraft

Prof. Kristina Kraft