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Als ich 9 Jahre alt war, hat mich mein damals 13jähriger Cousin sexuell missbraucht. Wir waren alleine zu Hause, meine Eltern waren unterwegs. Er wollte mir „etwas zeigen“, etwas das die Spielfiguren in seinem Fantasy PC-Spiel taten. Dazu sollte ich mich aufs Bett legen und mit meiner Hand seinen Penis streicheln. Ich weiß nicht mehr wie lange und ob er einen Orgasmus hatte. Ich weiß, dass es ein „Geheimnis“ sein sollte und dass ich als Kind so ängstlich war, dass ich dieses Geheimnis bis zu meinem 22. Lebensjahr für mich behalten habe. Immer wieder will ich schreiben, dass es ja gar nicht so schlimm war. Ich musste mich nicht ausziehen, er war nicht nackt, es ist „nur“ einmal passiert (beim zweiten Versuch konnte ich noch schnell das Zimmer verlassen) und überhaupt, im Vergleich zu den Erlebnissen von Lena bin ich wohl mit einem blauen Auge davon gekommen. Was schlimm ist, ist dass ich mich immer noch schuldig fühle. Ich habe den Artikel gelesen und meine Beklemmung gefühlt, die mich immer überkommt, wenn ich über meine eigene und die sexuelle Gewalterfahrung von anderen sehe, lese, höre. Geweint habe ich erst ganz zum Schluss. Als Lena erzählt, was die sexuelle Gewalterfahrung mit ihr macht und vor allem, was sie verhindert: „Kein Mann möchte doch eine gestörte missbrauchte Frau“. Es ist, als hätte sie mir mit diesem Satz aus der Seele gesprochen und gleichzeitig macht es mich unglaublich wütend. Wütend auf mich, denn ich denke so – immer noch, nach all den Jahren. Ich wünschte ich könnte sagen, dass doch keine Frau mit so einem Mann zusammen sein möchte, der psychisch gestört und krank ist, der anderen Menschen Gewalt antut, bei vollem Bewusstsein. Nicht nur, dass ich mich schäme, dass mir so etwas passiert, sondern auch noch, dass die an mir ausgeübte sexuelle Gewalt mich begleitet, als Makel, als „Fehler“, der mich abwertet als Frau und als Mensch. In den letzten Jahren, in denen ich mich mit mir auseinandersetze, habe ich auch mit Männern gesprochen. Sie sagen mir, dass es Männer gibt, die „das aushalten können“, die das „mittragen werden“. Ich weiß, dass es gut gemeint ist und ich weiß, dass ich eine Partnerschaft, eine Beziehung aufbauen kann, dass ich fähig bin, Sex zu haben und Sexualität auch als etwas Schönes (für mich) empfinden kann und nicht nur als etwas, das eigentlich eklig und verboten ist. Aber ich wünsche mir, dass statt dem beständigen Schuldgefühl von meiner Seite das Gegengewicht der anderen Seite stärker wird. Ich wünsche mir, dass Menschen (Männer) sagen, dass sie niemandem so eine Form von Gewalt antun wollen, dass sie ihre kranken Neigungen und Phantasien behandeln lassen und verantwortungsvoll damit umgehen. Ich wünsche mir, dass sie sich für ihr Verhalten, ihre Störungen entschuldigen und sich die Schuld geben. Die Qual mit der Erfahrung zu leben und umzugehen trage ich (und alle Lenas dieser Welt) ohnehin mit mir. Nun ist es Zeit, die Verantwortung für die Tat an sich an die richtige Stelle abzugeben und auszuhalten, dass sie die Täter sind. Sie sind es, deren Kranksein und deren Störung eine Gesellschaft mittragen und vor allem behandeln müssen. Es macht mich wütend, wenn Menschen mit sexuellen Gewalterfahrungen Angst vor dem Prozess, vor dem Offenmachen der Schlechtheit der Täter*in haben müssen, weil sie als unzulänglich, psychisch gestört und unglaubwürdig betrachtet werden. Das macht uns doch nur noch kränker. Wann wachen wir endlich auf. Die Opfer sind ohnehin schon geschädigt aber die Schädigung kann begrenzt werden, wenn endlich die bestraft und zur Verantwortung gezogen werden, die die wirklichen Verbrecher sind.

Absenderin anonym, Name ist der Redaktion bekannt.