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Zufällig habe ich die "Chrismon"-Beilage in einer Ausgabe der Süddeutschen Zeitung entdeckt und eigentlich nur beiläufig durchgeblättert. Bei diesem Artikel blieb ich tatsächlich überrascht hängen, da ich nicht damit gerechnet habe, so etwas in einem evangelischen Magazin zu finden.
Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtigen Worte sind, um mein Lesegefühl zu beschreiben, aber ich fand den Artikel sehr mitreißend und habe mich über die Länge sehr gefreut. In der Tat hätte ich nichts dagegen gehabt, noch mehr darüber zu erfahren. Dementsprechend teile ich auch die Meinung vieler Mitkommentatoren nicht, dass manche Schilderungen zu detailreich waren. Voll und ganz kann ich natürlich verstehen, wenn das jemandem zuviel wird. Oder diejenigen, die etwas ähnliches durchmachen mussten unangenehm an ihre Vergangenheit erinnert werden.
Für mich persönlich als nicht Betroffene kann ich aber nur sagen: Danke, für diese realitätsnahe Offenheit! Danke, für das Nicht-Beschönigen. Danke, dass sie nicht ausweichen. Gerade bei Themen, die Gewalt oder sexuelle Gewalt im Allgemeinen betreffen, halten sich sehr sehr viele Medien und Journalisten leider viel zu sehr zurück. Mit sind die Schilderungen häufig viel zu oberflächlich. Denn ich will nicht einfach nur wissen, dass da ein 'sexueller Missbrauch' stattgefunden hat - was auch immer das heißt. Ich will die ganzen unschönen Details wissen. Ich will wissen, wie schlimm das für die Opfer war. Ich möchte wissen, welche Grausamkeiten in der Welt geschehen. Das ist man auch den Opfern schuldig, sofern sie es denn erzählen wollen. Sie verdienen eine Plattform, auf der sie ungeschönt erzählen können, veröffentlichen können, was sie wollen.

Vielfach wird hier auch kritisiert, dass die Autorin etwas naiv an das Thema herangeht. Das wird vor allem an dem Satz festgemacht, dass sie sich derartige Netzwerke oder Missbrauchsringe nicht wirklich vorstellen könne. Hier bin ich etwas hin- und hergerissen. Einerseits dachte ich mir das beim Lesen des Artikels auch, frei nach dem Motto "Sollte sich nicht jemand, der sich mit einem Opfer sexuellen Missbrauchs trifft, nicht im Vorfeld mehr Gedanken dazu machen?" Das war die eine Seite. Meine andere war verständnisvoller. Ich glaube, dass die meisten Menschen hier erst einmal mit irgendeiner Art von Widerwillen reagieren. Zu absurd scheint der Gedanke, dass es im Verborgenen Menschen gibt, die sich so sehr über allgemein akzeptierte Gesetze stellen. Dieser Effekt wird umso mehr verstärkt, als dass es sich hier um Verbrechen handelt, die wahrlich von den meisten als absolut widerwärtig empfunden werden. Vielleicht holt die Sichtweise der Autoren hier diejenigen Leser ab, die sich vorher einfach nicht nie mit der Existenz derartiger Netzwerke beschäftigt haben. Ich denke nicht, dass sie hier die Glaubwürdigkeit des Opfers tatsächlich infrage stellen wollte. Sie nähert sich dem Erzählten vielmehr aus einer Richtung, aus der wahrscheinlich auch die meisten Leser kommen. Und häufig schwingt bei Extremen eben eine gewisse Skepsis mit - die kann man auch haben, ohne dass man dem Opfer gleich die Glaubwürdigkeit nimmt.

Anschließen kann ich mich ganz klar denjenigen Meinungen, die gehofft hätten, noch mehr über die Familie der Frau zu erfahren. Das hätte mich auch sehr interessiert, wurde aber vielleicht tatsächlich aus Personenschutzgründen nicht erwähnt oder weil die junge Frau das eben einfach nicht wollte. Von mir aus hätten Sie gerne noch zehn weitere Seiten mit der Geschichte dieser Frau füllen können - wie es in ihrem Studium läuft, Beziehungen, Freunde, Familie, Hobbies, ihre Gedanken, was sie sich wünscht - ich glaube, ich hätte alles verschlungen.

Heilung wird es für sie und die anderen Opfer vermutlich nie geben. Aber vielleicht einen Weg, anders zu leben. Einen Weg, mit diesen Erfahrungen zu leben. Wer weiß, vielleicht findet sie auf diesem ungewöhnlichen, anderen Weg auch irgendwann sehr spezielle, besondere Dinge. Man kann es ihr nur von ganzem Herzen wünschen!