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Sehr geehrte Frau von Zadow,

danke, dass Sie sich so intensiv mit meinem Text auseinandersetzen. Stimmt, man denkt manchmal viel darüber nach, wie ein Text wirken soll - und dann wirkt er ganz anders auf die Menschen. Jedenfalls wohl auf Sie. Ich erkläre mich Ihnen gerne:

ad 1) Die Überschrift "Zieh dich aus, du Schlampe!" haben wir gewählt, um maximimale Aufmerksamkeit zu erzeugen, damit möglichst viele, am besten alle, die in unserer Beilage blättern, den Text lesen. Das Thema war/ist uns sehr wichtig. Sicher hätte man auch eine andere Überschrift finden können, einfach  ist das allerdings nicht. Eine Zeile wie "Sexueller Missbrauch wirkt nach" ist nicht so spannend für Menschen, denen ein nicht bestelltes kirchliches Magazin aus ihrer eh schon dicken Zeitung entgegenrutscht. Das sind so die Überlegungen dahiner.

ad 2a) Sie mutmaßen, dass die immer wieder eingestreute Ich-Perpektive der Autorin Nähe und persönliches Involviert-Sein zeigen soll. Das war nicht die Absicht. Ich halte mich als Autorin lieber raus aus Texten. Allerdings habe ich während der Recherche gemerkt, wie wenig Oopfern geglaubt wird. Also habe ich mich, quasi als Mittelsperson, manchmal ins Spiel gebracht. Das Verhältnis zu Lea war bald sehr viel näher und persönlicher, als der Text durchblicken lässt.

ad 2b) Sie finden es unerträglich, dass ich überprüft habe, ob es stimmen kann, was Lea erzählt. Ich bin Journalistin, ich unterliege der Sorgfaltspflicht. Ich soll und darf nur die Wahrheit schreiben. Ich muss nicht überprüfen wie ein Gericht, dazu hat ein Medium ja auch seltenst die Möglichkeiten, aber ich muss doch mit einigem Aufwand und zwar nachweislich überprüfen. Das ist das eine. Das andere: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass Leas Erlebnisse abgetan werden können als "stimmt ja eh nicht". Daher erwähnte ich  (ohne das weiter auszuführen), dass ich einiges zur Klärung unternommen habe. Lea war übrigens jederzeit darüber informiert, wen ich anrief und was die jeweiligen ExpertInnen dann gesagt haben. Ich habe unaufgefordert von Anfang an ihr gegenüber maximale Transparenz walten lassen.

ad 3) Sie finden es naiv, Sätze zu schreiben wie "So richtig vorstellen kann ich mir das mit den Netzwerken immer noch nicht." Sie sagen, diese Netzwerke existieren, und ein Magazin sollte den Mut haben, dies auch so zu schreiben. Ja klar, aber ich habe kein solches Netzwerk kennenlernen können.Eine solche  mindestens einjährige Investigativ-Recherche durch mehrere RedakteurInnen gleichzeitig, die möglichst schon langjährige Erfahrung im Bereich organisierter Kriminalität haben (siehe "Spiegel") - solch eine Möglichkeit hat unsere Mini-Redaktion nicht. Ich bitte um Verständnis.  Übrigens sagte mir die Pressestelle des BKA auf die Frage, ob die Polizei von organisiertem sexuellem Missbrauch Kenntnis hat oder auch nur Mutmaßungen: Nein, kennen wir nicht, wissen wir nichts zu... Wie würden Sie das werten? Als Ahnungslosigkeit, als Maulkorberlass oder oder?

ad 4) Sie monieren, dass die wichtige Frage inhaltlich blass bleibe, wie das der Verhältnis der jungen Frau zu ihrer Familie ist. Tja, das stand alles mal drin, aber ein Papiermagazin hat eben nur sehr begrenzten Raum. Für Sie: Nein, die Eltern wissen nichts. Womöglich würden sie der Tochter nicht glauben, oder der Vater würde den Onkel umbringen. Beide Varianten will Lea nicht erleben. Lea lag auch sehr daran, dass ihre Familie nicht zu erkennen ist und dass natürlich erst recht die Täter nicht erkennen, wer Lea ist. Das habe ich sehr, sehr ernst genommen und bin an diesen Punkten nicht so ins Detail gegangen. Leas Sicherheit stand für mich ganz obenan. Bitte haben Sie auch hierfür Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Holch/ Chefreporterin chrismon