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Sehr geehrte Damen und Herren,

zum Artikel von Christine Holch im aktuellen Magazin zum Thema Kindesmissbrauch (S. 12-20) möchte ich gerne eine Rückmeldung geben.

Ich halte es für richtig, dass solche Artikel erscheinen und ich bin froh um jede Opferstimme, die Gehör findet. Allerdings geht die gute Absicht von Autorinnen und Autoren und Herausgeberinnen und Herausgebern dieser Beiträge manchmal trotzdem in die falsche Richtung. Dafür  liefert der angesprochene Artikel leider einige Beispiele:

1) Den Artikel mit dem Satz "Zieh dich aus, du Schlampe!" in Fettdruck zu überschreiben halte ich für absolut unangemessen; hier wird mit einem furchtbaren Satz aus Tätermund Aufmerksamkeit für einen Artikel aus Opfersicht generiert. Weder die Geschichte, noch das Opfer haben es verdient, dass ein solcher Satz zum Anlass wird, dass jemand diesem Artikel nähere Aufmerksamkeit schenkt.

2) Die immer wieder eingestreute Ich-Perpektive der Autorin soll Nähe und persönliches Involviert-Sein zeigen. Dabei klingt es leider z. T. so, als ob Frau Holch trotz allen Mitgefühls an der Geschichte ihrer Quelle zweifelt, z. B. in der Mitte der zweiten Spalte auf S. 12, wo es heißt: "Am Ende habe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass nicht stimmt, was Lea berichtet." Dieser Satz zeigt, warum so viele Opfer immer noch nicht den Mut finden, über ihre Ereignisse zu sprechen. Sie zweifeln ja selbst immer wieder daran, was ihnen geschehen ist, können wegen der im Artikel beschriebenen psychischen Fluchtmechanismen (die tatsächlich wörtlich Überlebensstrategien sind!) die Ereignisse nicht oder nur unklar wiedergeben. Und wenn sie dann endlich von ihren Erlebnissen reden, dann muss erstmal überprüft werden, ob das überhaupt stimmt? Vielleicht soll dieser Satz die Leser_innen abholen, die sich Missbrauchsvorkommnisse nicht vorstellen können und ihnen vermitteln: ja, auch die Autorin hatte Zweifel, aber sie hat alles überprüft, es war wirklich so? Ich finde dies jedenfalls unerträglich.

3) Die Äußerungen zu organisiertem Kindesmissbrauch erscheint mir ziemlich naiv, z. B. auf S. 15 letzter Absatz "So richtig vorstellen kann ich mir das mit den Netzwerken immer noch nicht." Diese Netzwerke existieren, so wie andere schwerstkriminelle Organisationen existieren und funktionieren. Ja, Menschen tun dies unschuldigen Kindern an und sie tun es nicht weniger, nur weil man sich das "nicht vorstellen" kann. Ein Magazin kann ruhig den Mut haben, dies auch so zu schreiben - genauso wie über Mafiastrukturen, Folter oder schlimmste Zustände in der Nahrungsmittelindustrie ohne Fragezeichen berichtet wird.

4) Und eine wichtige inhaltliche Frage bleibt weitgehend blass: wie ist das Verhältnis zwischen der jungen Frau und ihrer Familie? Im Artikel wird u. a. geschildert, dass sie eine Familienfeier besucht, auf der für sie überraschend auch der Onkel eingeladen ist. Sind die Eltern nicht über die Erlebnisse ihrer Tochter informiert? Immerhin ist sie seit Jahren in Therapie. I. d. R. werden irgendwann die Angehörigen ins Vertrauen gezogen, oder der Kontakt abgebrochen. Hier bleibt der Text (vielleicht mit Absicht?) vage und die Position der Eltern merkwürdig blass. Dies fällt besonders auf, weil in anderen Passagen des Textes sehr detailreich geschildert wird, was vorgefallen ist und wer welche Position dazu hat.

Insgesamt finde ich den Artikel trotzdem gut und wichtig. Besonders positiv hervorheben möchte ich die ausführliche Schilderung und Erklärung der dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Diese finde ich gelungen und informativ.

Mit freundlichem Gruß,

Natalie von Zadow